Ist Europa schon reif, den Nationalismus zu überwinden?

Europawahlen haben ein eigentümliches Eigenleben. Und in jedem der mittlerweile 28 Mitgliedsländer ein anderes Eigenleben. Seit geraumer Zeit ist wieder zu beobachten, dass sich Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Antiislamismus und andere Anti-ismen wieder ausbreiten. Viel stärker, als dass man es ignorieren oder wegdiskutieren kann. Immer neue Parteien tauchen auf, die vorgeben, nur das Wohl ihres Landes im Blick zu haben, die aber bei näherem Hinsehen offen nationalistisch oder noch reaktionärer auftreten. Ist die Demokratie Europas stark genug, diese neu erstarkten Kräfte rechtsaußen zu verkraften?

Nationalismus ist eine Idee, die im 17. Jahrhundert aufkam, sich im 18. und 19. Jahrhundert stark entwickelte und im von Nazideutschland angezettelten Zweiten Weltkrieg ihren bisher fatalsten Höhepunkt erlebte. Nationalismus lebt von der Idee des Volks und der Nation, lebt von Abgrenzung, Abschottung und übersteigertem Selbstwertgefühl. Zur Blütezeit des europäischen Nationalismus dachten wohl die meisten Menschen, ihr eigenes Volk sei – aus welchen Gründen auch immer – das beste aller Völker und habe ein angestammtes Recht zum Überleben, das anderen Völkern nicht automatisch auch zugestanden wurde. Die Begriffe „Volk“ und „Nation“ speisten und gestalteten sich aus einer passend dazu konstruierten nationalen Geschichtsschreibung, die bis hin zu rassistischen Weltbildern führten. Der israelische Historiker Shlomo Sand führt uns wunderbar vor Augen, wie der Nationalismus sich entwickelt hat. „Herrenrassen“ gab es nicht nur im deutschen Weltbild. Einige Menschen auf unserem blauen Planeten wurden von anderen damals als Nichtmenschen, als Tiere oder Untermenschen angesehen. Wohin das alles führte, steht in den Geschichtsbüchern. Aber anscheinend wird Lesen heute überbewertet. Doch Lesen bildet und Wissen macht frei.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hörte die Menschheit zwar nicht auf, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und aus ideologischen, materiellen oder religiösen Gründen aufeinander zu schießen. Aber der Gedanke des Rassismus war – Bringschuld nach dem verheerenden Holocaust und den anderen, ebenfalls schlimmen Pogromen gegen „andere“ Menschengruppen – nicht länger gesellschaftsfähig. Nur einige Zeitgenossen, die im Englischunterricht nicht richtig aufgepasst haben, übersetzen den im Englischen immer noch gebräuchlichen Begriff „races“ immer noch mit „Rassen“ ins Deutsche. Längst hat der Zeitgeist die ehemalige Überheblichkeit überwunden. Die meisten Menschen in Europa haben begriffen, dass wir alle eine einzige Rasse sind, Menschen. Wir bemühen uns, die Andersartigkeit anderer Menschengruppen vorsichtig zu umschreiben, um den Anschein von Rassismus nicht aufkommen zu lassen. Der heute oftmals verwendete, angeblich politisch korrekte Begriff „Ethnie“ ist allerdings eine Mogelpackung. Lassen wir das Schubladendenken über Menschen, die nicht unserem Spiegelbild entsprechen, doch einfach sein. „Von innen sind wir alle gleich“, hieß es in Karin Hentschels Fußballrevue aus Südafrika.

Doch wieder und wieder kommen Feindbilder nach vorn, in Gestalt äußerst rechts angesiedelter Parteien, in Gestalt vorgeblich demokratisch legitimierter Politiker und Regenten, die sich vor dem Hintergrund unserer gemeinsamen Geschichte der Menschheit nicht zu blöde sind, offen auszusprechen, dass sie sich für eine „Herrenrasse“, für besser als die anderen halten. Andersartigkeit wird immer noch und immer wieder unterdrückt, gar verboten, so zum Beispiel das Schwulsein in vielen Ländern. Oder das Recht, zu glauben, was man will. Wer jüdisch glaubt, Sinti oder Roma ist, hat momentan in Ungarn und anderswo schlechte Karten. Wieder mal. Die falsche Hautfarbe kann in einigen Landstrichen Europas fatale Folgen haben. Und die europäische Staatengemeinschaft schweigt beredt dazu.

Was aber treibt Menschen dazu, immer wieder in alte Denkmuster zu verfallen und allen Ernstes glauben zu wollen, dass sie selbst aus irgendeinem Grund die besseren Menschen, gar eine „Herrenrasse“ wären? Demokratie ist eine ziemlich alte Idee, die im Schatten der Nationalismus-Blütezeit wartete, um immer wieder neue Anläufe zu nehmen, sich als möglichst faires politisches System durchzusetzen. Fair dem Volk gegenüber, dessen Bedeutung im Nationalismus anders, brandgefährlich war. Heute aber verstehen die meisten Menschen unter dem Begriff „Volk“ die Menge aller Menschen, die in demselben Land leben und dort dieselbe Staatsbürgerschaft teilen. Da bleibt eigentlich kein Platz für Abgrenzung „anders“ aussehender Mitbürger, kein Raum für Volkstümelei und kein Anrecht auf eine Leitkultur. Doch diese Abgrenzung findet wieder deutlich statt. Die „Festung Europa“ ist eine offensichtliche Grenze, wie Flüchtlinge aus Afrika erleben oder auch nicht überleben. Doch Grenzen entstehen im Kopf, bevor sie als Mauern, Zäune und Schlagbäume errichtet werden.

Abgrenzung und Abschottung entstehen aus Angst. Ist es die Angst davor, im Multikulti der sich immer wieder neu formenden und alles andere als homogenen Volksmengen seine eigene Identität zu verlieren? Einige naive Zeitgenossen denken gar, Staatsgrenzen hätten Ewigkeitsrecht, so wie auch der Planet selbst sich nie verändern dürfte. Es scheint so, als wenn diejenigen, die Angst vor Europa haben, in Wahrheit Angst davor haben, andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind – mit ihrer anderen Identität, ihrer anderen Hautfarbe, ihrer anderen sexuellen Ausrichtung, ihrer anderen Kultur, ihrer anderen Werte und Normen. Dabei wäre es sicher interessant, wissenschaftlich zu untersuchen, was genau diese Angst ausmacht, die ein arbeitsloser glatzköpfiger ostdeutscher Mann fühlt, wenn er in seinem Ort einen Farbigen die Straße überqueren sieht. Oder was genau den Lederhosen-Bajuwaren ängstelt, wenn ein asiatisch aussehender Nachbar ihn mit einem zünftigen „Jo mei“ anspricht. Warum haben die gallischen Kampfhähne in Marseilles Angst vor Marokkanern, die für sie im Hafen arbeiten? Was steckt hinter der Angst norwegischer Elchjäger vor muslimischen Nachbarn?

Viele Zeitgenossen meiner Generation sind nicht nur mit Kino und Fernsehen, sondern speziell mit Science Fiction aufgewachsen. „Faszinierend“ war nicht nur der Running Gag von Mr. Spock in Raumschiff Enterprise, sondern ebenso der Anblick der von Menschen ausgedachten Fantasiewesen, die aus anderen Welten mit uns interagierten. Der Erfinder der Aliens ist gerade im Alter von 74 Jahren gestorben. Er schuf eine Figur, die uns vordergründig das Fürchten lehrt, aber die eigentlich genau wie wir ist und das tut, was wir alle wollen: Sie verteidigt sich und ihre Nachkommen vor Angriffen. Ripley lernt wie Alien zu denken und lernt zu verstehen. In manchen Science-Fiction-Filmen und -Geschichten verarbeiteten Autoren ihre verdeckt rassistischen Gedanken und versuchten, mit unterschiedlichen Ansätzen die immer wieder gleich plumpe Botschaft zu vermitteln: Frieden für uns gibt es nur, wenn wir alles Feindliche töten. Viele Science-Fiction-Autoren aber haben eine komplett gegenteilige Botschaft gesendet, allerdings nicht in ferne Welten hinaus, sondern an uns: Akzeptiert das Andersartige als Vielfalt. Frieden gibt es nur, wenn man akzeptiert, dass Anderssein nicht automatisch bedrohlich ist. Lernen wir voneinander. Eines der schönsten Beispiele dafür ist wohl „Enemy Mine – Geliebter Feind“.

Was hat das alles mit den wieder mal bevorstehenden Europawahlen zu tun? Ein anderes regelmäßig wiederkehrendes Europa-Ereignis ist gerade zuende gegangen: der Eurovision Song Contest. Dieses Jahr gewann zum zweiten Mal, nach 1998, eine Drag Queen den ESC. „Conchita Wurst“ heißt die Kunstperson, die der Österreicher Tom Neuwirth erschuf, um ein Zeichen gegen Diskriminierung von Andersartigkeit zu setzen. 1998 gewann Yaron Cohen, der sich damals „Dana International“ nannte und sich mittlerweile entschieden hat, sich vom Mann zur Frau umoperieren zu lassen, für Israel den ESC und setzte Zeichen. Der ESC gilt als Instrument der Völkerverständigung. „Wo gesungen wird, da lass Dich nieder; böse Menschen haben keine Lieder“ gilt immer noch und immer wieder. Und auch Conchita Wurst ist ein Symbol dafür, dass wir alle aufgefordert sind, Andersartigkeit als Bereicherung zu akzeptieren, nicht als Bedrohung unserer eigenen „Artigkeit“. Denn wer sagt uns eigentlich, ob nicht unsere Art zu sein für andere bedrohlich wirkt?

Menschen haben unterschiedliche Hautfarben, unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Sexualität, unterschiedliche Gedanken. „Die Gedanken sind frei“ ist ein bekanntes Volkslied und ein juristisch und gesellschaftlich längst anerkannter Wert. Aber sind wir schon bereit, ähnliche Lieder zu singen: „Die Hautfarbe ist frei“, „Die Sprache ist frei“, „Die Kultur ist frei“, „Die Sexualität ist frei“? Es wäre höchste Zeit dafür. Nationalismus birgt immer die Gefahr von Rassismus und Faschismus. Nationalismus bringt die Menschheit auf dumme Gedanken, auf den falschen Weg. Ein einiges Europa funktioniert nicht, indem man einfach möglichst viele Nationalstaaten unter einem gemeinsamen Dach vereint. Die wahre Chance Europas ist, die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit, die Andersartigkeit aller Mitglieder als das Einende zu begreifen. Wenn wir diese Vielfalt akzeptieren, kann eine wirklich gleichberechtigte, multikulturelle europäische Gesellschaft entstehen. Der Reichtum, den alle Menschen erst gemeinsam halten und entfalten können, heißt Akzeptanz des Anderen. Denn – von innen sind wir alle gleich.

Es ist höchste Zeit, die Vielfalt als Gemeinsamkeit zu begreifen, damit Europa den Nationalsmus überwinden kann.

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