Noch mehr Doppelmoral

Heute ist der 3. Jahrestag des Beschneidungsgesetzes, das seit dem 12.12.12 männliche Kinder in Deutschland wieder zu Rechtsobjekten degradiert hat.

Jungen sind nicht länger Rechtssubjekte, besitzen somit auch kein eigenes und gleiches Recht mehr auf Würde (Art. 1 GG), freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit und körperliche Unversehrtheit (Art. 2 GG),  Gleichheit und Gleichberechtigung vor dem Gesetz (Art. 3 GG), Religionsfreiheit (Art. 4 GG), Recht auf Schutz des Staates vor Übergriffen der Eltern (Art. 6), Recht auf Schutz vor aufgezwungenen religiösen Handlungen (Art. 140 GG).

Die Beschneidungsdebatte hört und hört nicht auf. Und immer wieder müssen wir Intaktivisten, die wir uns für gleiche Rechte und gleichen Schutz für alle Kinder weltweit und nichts sonst einsetzen, dieselben alten, längst zigfach widerlegten Argumente widerlegen. Auch das hört und hört nicht auf.

Dabei ist bezeichnend, dass sehr oft Männer, die selbst beschnitten wurden, sehr schnell unflätig werden, wenn sie z.B. lesen, was Intaktivisten zum Jahrestag des unsäglichen Beschneidungsgesetzes zu sagen haben. Das hört sich dann schnell so an, wie ein Zeitgenosse heute auf Facebook seinem Unmut Luft machte:

[…] jedoch sollten Sie ca. zwei Milliarden Männer nicht pauschal als „verstümmelt“ und „amputiert“ hinstellen! Das ist respektlos und entbehrt jeglicher Toleranz gegenüber Moslems, Juden und allen anderen, die diesen Eingriff für notwendig erachten.

Wir haben ca. 7 Milliarden Menschen auf der Erde, davon ca. 50 % Männer, macht 3,5 Milliarden. Fachleute nehmen an, dass ca. 1/3 aller Männer beschnitten sind, was etwas mehr als 1 Milliarde entspräche. Genau weiß das niemand, aber „ca. zwei Milliarden“ klingt natürlich erst mal prima. Zu einer so großen Gruppe zu gehören, ist ein fantastisches Wir-Gefühl, nicht?

Wie es wohl der etwa gleich großen Gruppe von Frauen weltweit geht, die schon mal vergewaltigt wurden? Auch ein fantastisches Wir-Gefühl, oder?

Kein Intaktivist bezeichnet alle diese Männer pauschal als verstümmelt oder amputiert, auch wenn es faktisch so ist, dass das Entfernen eines Körperteils Amputieren genannt wird und der Penis nach dem Entfernen der wichtigen und funktionalen Vorhaut nun mal verstümmelt ist. – Aber es geht in solchen Konflikten natürlich nicht um die Sache, sondern um Emotionen. Jeder Intaktivist respektiert die Emotionen von Männern, die nicht wahrhaben wollen, dass ihnen „da unten“ nun mal faktisch was weggenommen wurde, ob es sie nun stört oder sie sich trotzdem ganz wohlfühlen.

Männer, denen in einem Krieg ein Körperteil amputiert werden musste, das offensichtlicher, also offen sichtbarer als die Vorhaut ist, sind schon von weitem oft als Amputierte oder Verstümmelte zu erkennen. Das ist das delikat Gemeine an der Beschneidung – man sieht es normalerweise nicht, dass ein Mann beschnitten ist. Außer dem Jungen oder Mann, der seinen Penis garantiert täglich in die Hand nimmt, mindestens zum Wasserlassen. Oder die Partnerin oder der Partner des Mannes. Unsere Fortpflanzungsorgane sind nun mal unser liebstes Spielzeug, und welcher Mann möchte schon gern, dass sein Penis negativ bezeichnet wird? Woher sollen Männer, die schon ganz früh als kleine Jungen beschnitten wurden, überhaupt wissen, was ihnen fehlt, wenn sie keine Vergleichsmöglichkeiten haben? – Männer reden über alles Mögliche: Fußball, Autos, Geld – aber über Probleme beim Sex?

Intaktivisten gönnen es jedem beschnittenen Mann von Herzen, dass er sich auch ohne Vorhaut wohlfühlt, guten Sex hat und sich nicht verstümmelt oder amputiert fühlen möchte. Denn darum geht es Intaktivisten gar nicht. Es geht um die Kinder im Jetzt – männliche Kinder, die seit drei Jahren schutzlos vor dieser Willkür sind. Wie sagte der Zeitgenosse eben noch?

Das ist respektlos und entbehrt jeglicher Toleranz gegenüber Moslems, Juden und allen anderen, die diesen Eingriff für notwendig erachten.

Es sind Eltern, die ihren Jungen das antun – es spielt keine Rolle, ob aus religiösen oder sonstigen Gründen. Seit dem 12.12.12 gibt es einen Freibrief für Eltern, ihre Söhne zu beschneiden. Aus beliebigen Gründen. Notwendig? – Notwendig? Welche Not haben Eltern, dass sie ihren Jungen gesunde Körperteile abschneiden müssen?

Viele Männer hierzulande wissen leider gar nicht, dass die hierzulande so pauschal geächtete Mädchenbeschneidung von denen, die sie ausführen und fordern, mit den gleichen Argumenten verteidigt wird. Es sind nicht alle so überzeugt wie wir, dass Mädchenbeschneidung des Teufels ist. Es sind Eltern, die ihren Mädchen das antun – es spielt keine Rolle, ob aus religiösen oder sonstigen Gründen.

Wer sind wir eigentlich, dass wir uns diese Doppelmoral leisten, zu sagen, die Beschneidung von Jungen sei völlig okay und die Beschneidung von Mädchen sei verwerflich? Was würde passieren, würde einer der Mädchenbeschneidung so das Wort sprechen:

[…] jedoch sollten Sie ca. <hier eine große Zahl nach Belieben einsetzen> Frauen nicht pauschal als „verstümmelt“ und „amputiert“ hinstellen! Das ist respektlos und entbehrt jeglicher Toleranz gegenüber Religiösen und allen anderen, die diesen Eingriff für notwendig erachten.

Leisten wir uns diese Doppelmoral nicht vielleicht deshalb, weil wir sonst auch emotional zugeben müssten, was faktisch ja unbestritten ist: Dass beschnittenen Männern was fehlt und dass das nicht in Ordnung ist? Wir lernen durch Bücher wie „Wüstenblume“, dass die Mädchenbeschneidung etwas ganz Schreckliches ist, das aus Afrika auch nach Europa importiert wurde. Ganz schrecklich? – Die Eltern dort haben dieselben Gründe, warum sie das mit ihren Mädchen machen. Und auch Waris Dirie, die ihre Geschichte in „Wüstenblume“ erzählte, hat diese Schere im Kopf, diese Doppelmoral – ihren Sohn ließ sie beschneiden, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

Wer sind wir eigentlich, dass wir einer nicht genau bezifferbaren Gruppe von Männern pauschal das Recht absprechen, sich als nicht vollständig zu fühlen, zu leiden und zu sagen: „Ja, ich weiß, dass mir etwas genommen wurde – ohne dass ich etwas dagegen tun konnte.“ – Wer sind wir, dass wir uns über die, die offen aussprechen, dass sie darunter leiden, lustig machen, sie beschimpfen und den Trigger, den ihre Geschichten in uns auslösen, nicht verstehen oder an uns heranlassen wollen?

Gleichzeitig müssen wir uns fragen: Wer sind wir eigentlich, dass wir einer nicht genau bezifferbaren Gruppe von Frauen  pauschal das Recht absprechen, sich trotz ihrer Beschneidung wohlzufühlen, nicht zu leiden und zu sagen: „Ich bin doch nicht amputiert, ich bin doch nicht verstümmelt!“ Es gibt Formen der Mädchenbeschneidung, bei denen nur ein wenig Haut eingeritzt wird oder vergleichbar viel Vorhaut entfernt wird. Alle Frauen, die so behandelt wurden, müssen es ertragen, als „verstümmelt“ bezeichnet zu werden.

Viele Männer haben Doppelmoral in ihren Köpfen, damit sie Schmerz aufgrund eigener Betroffenheit nicht an sich heranlassen müssen. Es ist einfacher, mit dem Finger auf die bösen Mädchenbeschneider zu zeigen und zu rufen, dass das sofort aufhören müsse, als mit dem Finger auf die bösen Jungenbeschneider zu zeigen und zu rufen, dass das sofort aufhören muss. – Denn dann müsste Mann sich mit sich selbst und seiner eigenen Beschneidung als Kind beschäftigen. Und das kann verdammt wehtun. Männer mögen keine Schmerzen. Verdrängen ist uns anscheinend angeboren. Da redet Mann lieber über Fußball, Autos, Geld. Und schweigt sein Leben lang über dieses unbestimmt ungute Gefühl, mit dem er täglich konfrontiert wird – nur er allein.