Grüne Doppelmoral

Am 12.12.2012 wurde im deutschen Bundestag das sog. Beschneidungsgesetz (§ 1631d BGB) beschlossen, das allen minderjährigen Jungen seitdem wesentliche Menschenrechte und Grundrechte entzieht. Im Bundestag haben die konservativen Parteien (CDU/CSU, SPD, FDP) fast einmütig für dieses Gesetz gestimmt, die Linke fast einmütig dagegen. Die Grünen Bundestagsabgeordneten waren in ihrem Abstimmungsergebnis genau in der Mitte gespalten: 34 stimmten diesem „Sündenfall des Rechtsstaats“ zu, die anderen 34 stimmten dagegen, enthielten sich oder nahmen nicht an der Abstimmung teil.

Am lautesten und vehementesten verteidigte MdB Volker Beck das Gesetz und viele folgten ihm in seiner – wie wir heute wissen – juristisch völlig falschen Begründung. Er argumentierte mit Bibelzitaten für das Recht auf Tradition und forderte Respekt vor Religionen. Wohlgemerkt geht es hier um denselben Volker Beck, der, wenn es um die Rechte von Homosexuellen und anderen Erwachsenen geht, die unter dem Verhalten sog. kirchlicher Würdenträger verletzt werden, immer wieder wörtlich oder sinngemäß feststellt:

Religion rechtfertigt keine Übergriffe in die Rechte anderer.

2015 stellte der Grüne Parteivorsitzende Cem Özdemir auf der 39. Bundesdelegiertenkonferenz klipp und klar fest:

Und liebe Freundinnen und Freunde, im Jahre 2015 muss es möglich sein, dass man seiner Religion den Rücken kehrt, dass man konvertiert, dass man sie anders auslegt, als die Imame und Muftis dieser Welt es einem vorschreiben wollen. Und auch das will ich sehr klar sagen: Ich habe einen großen Respekt vor allen Religionen in dieser Welt und im Besonderen logischerweise zu der Religionsgemeinschaft, der ich selber entstamme. Aber ich sage auch: Kein heiliges Buch steht über den Menschenrechten! Kein heiliges Buch steht über der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, liebe Freundinnen und Freunde! Und das muss glasklar sein in alle Richtungen.

Die Argumentation gegen angebliche religiöse Vorrechte unterstreichen die Grünen ständig, nur beim Anspruch, dass auch männliche Kinder eigene Rechte haben, scheint es bei den Grünen Doppelmoral zu geben.

Die Grüne Jugend hat auf ihrem 41. Bundeskongress Im November 2013 vehement gefordert: „Kinderrecht ist Menschenrecht!“ Scheinbar eindeutig stellt man dort fest: „Die GRÜNE JUGEND lehnt jegliche Gewalt ab, besonders die an Kindern¹.“ Prima, könnte man denken – wäre da nicht die kleine Fußnote. Sucht man sie auf, liest man:

¹: Explizit wird hier das Thema religiöse Beschneidung von biologisch männlichen Kindern ausgeklammert. Der Antrag hat nicht den Anspruch zu dieser kontroversen Debatte irgendeine Position zu beziehen.

Auf der 39. Bundesdelegiertenkonferenz (BDK) der Grünen im November 2015 hatten Mitglieder des Bundesweiten Arbeitskreises Säkulare Grüne und andere einen Antrag gestellt, dass sich die Partei endlich einer innerparteilichen, zieloffenen Beschneidungsdebatte öffnen soll, nachdem im November 2012 die damals gestellten vielen Anträge von der Parteiregie in eine sogenannte religionspolitische Kommission verwiesen wurden. Diese Kommission wurde erst auf Drängen der Säkularen Grünen irgendwann 2013 endlich eingerichtet. Bis zur 39. BDK war offiziell nur bekannt, dass diese Kommission ein paar Mal getagt hat, das Thema Beschneidung kaum tangierte und angeblich in einem Abschlusspapier eine Empfehlung an die Partei geben will, wie mit dem Thema der Beschneidung umzugehen sei. Es darf gefragt werden, warum dieses Papier nicht rechtzeitig vor der BDK veröffentlicht wurde. Auch jetzt (24.11.2015) ist es noch nicht verfügbar.

Der eben erwähnte Antrag wurde von der Parteiregie unter „Verschiedenes“ als V-06 einsortiert und von den Delegierten im sog. V-Ranking weggevotet. Es ist zwar bei den Grünen in der Satzung verankert, dass jedes Mitglied Anträge stellen kann (sofern sich z.B. ein Kreisverband oder 20 Unterstützer finden), die auf der BDK zu behandeln sind, aber seit 2011 ist möglich, dass Delegierte die sogenannten V-Anträge in einem Voting als wichtig oder unwichtig definieren können. Die Delegierten der 39. BDK waren nicht an einer Debatte interessiert.

Andere Basismitglieder hatten einen Änderungsantrag im Bereich „Satzung“ gestellt, in dem sie Kinderrechte im Grünen Grundkonsens verankert sehen wollten. Mit der fadenscheinigen Begründung, der Grüne Grundkonsens sei schon lange nicht mehr verbindlich, wurde dieser Antrag S-04 von Bettina Jarrasch aus dem Bundesvorstand abgeschmettert. Sie versprach jedoch, mit Rückgriff auf den nicht verhandelten V-06, dass die Partei im nächsten Jahr zum Thema Beschneidung „kultursensibel“ debattieren wolle. Damit führte sie mit einem Wort das, was Cem Özdemir zuvor unter dem Jubel der Delegierten klargestellt hatte, gleich wieder ad absurdum. Bettina Jarrasch ist Mitglied im Zentralkomittee der deutschen Katholiken. Dass sie mit kultursensibel meint, dass Menschenrechte und Vorhäute von minderjährigen Jungen weiterhin der Kultur ihrer Eltern und deren Religionsgemeinschaften geopfert werden müssen, scheint offensichtlich.

Ob sich die Partei Bündnis 90/Die Grünen doch noch dazu aufraffen kann, männlichen Kindern dieselben Rechte wie allen anderen Menschen zu gewähren, hat sie selbst in der Hand. Wer beschließen kann, dass in der Schriftsprache intersexuelle Menschen mit unterschiedlichen chromosomalen, hormonellen und/oder anatomischen Merkmalen, die den medizinischen Definitionen von Mann oder Frau nicht eindeutig zuzuordnen sind, durch den sogenannten Genderstar in Zukunft immer mit gemeint sind, dem sollte es doch nicht schwerfallen, männliche Kinder endlich wieder zu den Menschen zu zählen, ihnen endlich wieder dieselben Rechte zuzugestehen, die allen anderen zugestanden werden. Alles andere wäre bigotte Doppelmoral.

Dazu nochmal klipp und klar der erneut wiedergewählte Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen:

Aber ich sage auch: Kein heiliges Buch steht über den Menschenrechten! Kein heiliges Buch steht über der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, liebe Freundinnen und Freunde! Und das muss glasklar sein in alle Richtungen.

Nehmen wir ihn doch einfach beim Wort!

Hier noch eine detaillierte Auflistung der Grundrechte, die durch den „Sündenfall des Rechtsstaats“, das Beschneidungsgesetz § 1631d BGB, seit dem 12.12.12 massiv verletzt oder abgeschafft sind:

Art. 1 GG:
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
Die Würde des Jungen ist seit dem 12.12.12 antastbar.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
Für Jungen gelten diese unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechte seit dem 12.12.12 nicht mehr.

Art. 2 GG:
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
Für Jungen gilt dieses Grundrecht seit dem 12.12.12 nicht mehr. Zur Persönlichkeit gehört auch die Sexualität, die durch das Entfernen wichtiger Teile der Genitalien beeinträchtigt wird.

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.
Da die medizinisch nicht notwendige Beschneidung in jedem Falle die körperliche Unversehrtheit verletzt und in gar nicht wenigen Fällen weltweit zum Tode führt, ist auch dieses Grundrecht für Jungen seit dem 12.12.12 offensichtlich nicht mehr gewährleistet.

Art. 3 GG:
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
Seit dem 12.12.12 nicht mehr.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
Seit 2013 sind Mädchen und Frauen vor Genitalverstümmelung gesetzlich geschützt. Jungen seit dem 12.12.12 nicht mehr.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.
Gilt seit dem 12.12.12 nicht mehr für minderjährige Jungen.

Art. 4 GG:
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
Wenn Eltern aus irgendwelchen, aber auch aus eigenen religiösen Gründen ihren Sohn beschneiden lassen, ist dies seit dem 12.12.12 zulässig. Die entsprechende Freiheit des Jungen wird nicht mehr geachtet. Beschneidung aus religiösen Gründen ist ein lebenslanges Stigma.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.
Es gibt keine größere Störung der eigenen Religionsausübung, als in einem Alter, in dem man selbst nicht zustimmungsfähig ist (Kinder bis zum vollendeten 18. Lebensjahr), durch die Beschneidung der Genitalien ein religiöses Stigma der Eltern zu erhalten.

Art. 6 GG:
(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.
Die staatliche Gemeinschaft hat den hier verankerten Auftrag zur Überwachung am 12.12.12 aufgegeben und männliche Kinder vom Rechtssubjekt mit eigenen Rechten zum Rechtsobjekt degradiert, das seinen Eltern vollständig ausgeliefert ist.

Art. 19 GG:
(2) In keinem Falle darf ein Grundrecht in seinem Wesensgehalt angetastet werden.
So mehrfach geschehen am 12.12.12 durch das Beschneidungsgesetz.

Art. 20 GG:
(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung […] gebunden.
Am 12.12.12 hat sie sich nicht an die verfassungsmäßige Ordnung gehalten.

Art 140 GG, Art 136 WRV:
(4) Niemand darf zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit oder zur Teilnahme an religiösen Übungen oder zur Benutzung einer religiösen Eidesform gezwungen werden.

Gilt seit dem 12.12.12 nicht mehr für kleine Jungen. (Danke für den Hinweis, aranxo.)

Der Bundesweite Arbeitskreis Säkulare Grüne und viele andere Grüne werden mit Sicherheit die fatale Ungerechtigkeit, die durch dieses Ungesetz entstanden ist, nicht mit Fußnoten oder Wegvoten unter den Tisch fallen lassen, sondern immer wieder darauf drängen, dass auch für alle minderjährigen Jungen dieselben Menschenrechte und Grundrechte wie für alle anderen Menschen gelten (müssen).

Schluss mit der Grünen Doppelmoral.

Weg mit den Vorrechten des Doktortitels

Der Doktortitel stellt in der deutschen Gesellschaft noch immer einen gesellschaftlich kaum hinterfragten, aber diffus sehr hoch angesiedelten Wert gesellschaftlichen Leumunds dar, der m.E. durch kaum etwas wirklich fundiert ist. Er ist ein reines Prestigeobjekt bestimmter gesellschaftlicher Schichten geworden, der den Habitus verstärkt, ohne Substanz zu haben. Fast niemand weiß im Detail, was der-/diejenige tatsächlich geleistet hat, um ihn zu erlangen, aber bei fast allen Menschen der Gesellschaft ist noch immer ein reflexartiges Verhalten zu sehen, dass sie Menschen mit einem Doktortitel mit mehr „Ehrfurcht“ begegnen. Noch immer bilden sich m.E. zu viele Doktortitelträger zu viel darauf ein. Oftmals haben sie Jahre für eine eher unterdurchschnittliche Doktorarbeit verschwendet und so lange dem oftmals reichen Papa auf der Tasche gelegen, nur um in seine Fußstapfen zu treten. (Ausnahmen bestätigen die Regel.)

Und gerade in unserer nach Individualität lechzenden postindustriellen Informationsgesellschaft sind es vor allem viele Männer, die sich auf diese Weise in einer Art aufwerten können, die ihnen einen scheinbaren (sic!) Vorteil gegenüber mindestens genauso intelligenten, leistungsfähigen und kompetenten Mitmenschen gibt.

Sieht man sich die Geschichte des Doktortitels an, so entdeckt man die Geschichte einer elitären Gesellschaftsgruppe, die zu viel Machteinfluss bekommen hat. Unter anderem Doctores der Theologie und Medizin waren es, die kräuter- und geburtskundige Frauen „vom Markt“ der Medizin verdrängen konnten, indem sie als Hexen diffamiert und nach kirchlichen und weltlichen Verfahren bestraft und manchmal hingerichtet wurden. (Der „Hexenhammer“ (1486) wurde auf Lateinisch veröffentlicht, das einfache Menschen seinerzeit nicht lesen konnten.) Die von diesen Frauen praktizierten Naturheil- und Behandlungsmethoden standen in Konkurrenz zur damaligen Medizin und stellten einen Affront der (katholischen) Kirche dar.

Und noch immer führen sich viele Dr. med. (sic!) in Krankenhäusern auf wie Halbgötter in Weiß – von uns allen dazu gemacht, wohlgemerkt! Ausnahmen bestätigen da nur die Regel. Viele Hebammen werden auch heute noch von vielen Ärzten in vielen Krankenhäusern nur als Pflegekundige 2. Klasse angesehen und haben im Kreißsaal oft weniger zu sagen als ein Arzt – Konkurrenz halt.

Meiner Meinung nach ist es durch nichts gerechtfertigt, dass dieser Anachronismus der Hervorhebung des Dr.-Titels sich immer noch durch die ganze Gesellschaft zieht. Denn er wertet auf der einen Seite künstlich auf und auf der anderen Seite künstlich ab. Ich könnte dutzende Beispiele von Stilblüten aufführen, die zeigen, wie unberechtigt viele ihren Dr.-Titel als goldne Krone durch die Gegend tragen, aber ansonsten weder irgendwas Wissenschaftliches für die Gesellschaft beitragen noch sich sonstwie dieses sog. Titels würdig erweisen. Ein Beispiel soll reichen: Auf die Frage eines Journalisten 1998 nach Kohls Wahlniederlage: „Herr Kohl, werden Sie jetzt trotzdem Ihr Bundestagsmandat wahrnehmen?“ hatte dieser nichts besseres zu antworten als: „Für Sie immer noch ‚Herr Dr. Kohl‘.“

Die Übertragung des Dr.-Titels auf viele andere akademische Bereiche hat natürlich ebenfalls seine Geschichte und dieselben Ursachen: Orden für Männchen.

Es wäre absolut kontraproduktiv, sinnentleert und inflationär, jetzt zu fordern, dass andere Titeln dem Dr.-Titel gleichgestellt werden. Stattdessen würde es nicht nur eine Formalie sein, dem Dr.-Titel endlich auch das Sonderrecht zu nehmen, im Perso etc. eingetragen zu werden, sondern über nicht mehr als eine Generation zu mehr Gleichberechtigung und Gerechtigkeit in der Gesellschaft führen, was die eigentlichen Leistungen der Menschen und eine gerechtere Entlohnung angeht. Wir alle als Gesellschaft sind dazu aufgefordert, diesen Missstand abzuschaffen, denn es waren wir alle als Gesellschaft, die aus Eitelkeit und Sehnsucht nach Anerkennung gewisse Gruppen der Gesellschaft zu Halbgöttern in Weiß (Mediziner), zu Halbgötter in Schwarz (Politiker) und zu „wertvolleren Menschen“ (Doktortitelträger im Allgemeinen) gemacht haben – in allen drei Punkten völlig unbegründet.

[Dieser Text erschien zuerst am 24.11.2011 in meinen Facebook-Notizen. Den Passus über die Hexenverfolgungen habe ich am 23.01.2017 angepasst.]

FGM folgt MGM // FGM follows MGM

[English translation see below:]

An alle PolitikerInnen, Emanzen, Machos, Religiöse und sonstige Menschen, die noch immer überzeugt sind, dass man FGM und MGM nicht vergleichen kann/darf/muss – und dass beides nichts miteinander zu tun habe:

Die weibliche Genitalverstümmelung (FGM) wird weltweit erst aufhören, wenn die männliche Genitalverstümmelung (MGM) weltweit aufgehört hat. In allen Ländern, in denen es FGM gibt, gibt es auch MGM.

Der von Menschenrechten und Grundrechten geforderte Respekt ALLEN KINDERN gegenüber verlangt Gleichbehandlung. Und es spielt keine Rolle, wie schwer die Verstümmelung ausfällt – der Akt der Genitalverstümmelung an sich ist das Frevelhafte. Und wenn es noch so sehr mit Ausreden und Ideologien verbrämt wird.

Am 07.05.2015 begehen wir den 3. Weltweiten Tag der Genitalen Selbstbestimmung, in Erinnerung an das richtungsweisende Kölner Urteil vom 07.05.2012. – Wie lange sollen Kinder noch darauf warten, bis die Erwachsenen ihnen endlich ihre Rechte gewähren, die ihnen längst zustehen?

 


[English:]

To all politicians, feminists, men’s rights advocates, religious and other people who still are convinced that one cannot /must not / should not compare FGM and MGM – and who believe that both have nothing in common:

Female genital mutilation (FGM) will only be stopped worldwide when male genital mutilation (MGM) has been stopped worldwide. In all countries where there is FGM, there is also MGM.

Human Rights and fundamental rights demand a fair approach: ALL CHILDREN deserve equal treatment. And it does not matter how the mutilation is done – the act of genital mutilation is reprehensible in and of itself. Even if it is justified with medical excuses and personal ideologies.

On May 7th, 2015, we celebrate the 3rd Worldwide Day of Genital Autonomy, in memory of the historical, ground-breaking Cologne judgment of 2012-05-07. – How long should children have to wait until adults finally grant them their rights, which they’ve been entitled to all along?

Ist Europa schon reif, den Nationalismus zu überwinden?

Europawahlen haben ein eigentümliches Eigenleben. Und in jedem der mittlerweile 28 Mitgliedsländer ein anderes Eigenleben. Seit geraumer Zeit ist wieder zu beobachten, dass sich Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Antiislamismus und andere Anti-ismen wieder ausbreiten. Viel stärker, als dass man es ignorieren oder wegdiskutieren kann. Immer neue Parteien tauchen auf, die vorgeben, nur das Wohl ihres Landes im Blick zu haben, die aber bei näherem Hinsehen offen nationalistisch oder noch reaktionärer auftreten. Ist die Demokratie Europas stark genug, diese neu erstarkten Kräfte rechtsaußen zu verkraften?

Nationalismus ist eine Idee, die im 17. Jahrhundert aufkam, sich im 18. und 19. Jahrhundert stark entwickelte und im von Nazideutschland angezettelten Zweiten Weltkrieg ihren bisher fatalsten Höhepunkt erlebte. Nationalismus lebt von der Idee des Volks und der Nation, lebt von Abgrenzung, Abschottung und übersteigertem Selbstwertgefühl. Zur Blütezeit des europäischen Nationalismus dachten wohl die meisten Menschen, ihr eigenes Volk sei – aus welchen Gründen auch immer – das beste aller Völker und habe ein angestammtes Recht zum Überleben, das anderen Völkern nicht automatisch auch zugestanden wurde. Die Begriffe „Volk“ und „Nation“ speisten und gestalteten sich aus einer passend dazu konstruierten nationalen Geschichtsschreibung, die bis hin zu rassistischen Weltbildern führten. Der israelische Historiker Shlomo Sand führt uns wunderbar vor Augen, wie der Nationalismus sich entwickelt hat. „Herrenrassen“ gab es nicht nur im deutschen Weltbild. Einige Menschen auf unserem blauen Planeten wurden von anderen damals als Nichtmenschen, als Tiere oder Untermenschen angesehen. Wohin das alles führte, steht in den Geschichtsbüchern. Aber anscheinend wird Lesen heute überbewertet. Doch Lesen bildet und Wissen macht frei.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hörte die Menschheit zwar nicht auf, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und aus ideologischen, materiellen oder religiösen Gründen aufeinander zu schießen. Aber der Gedanke des Rassismus war – Bringschuld nach dem verheerenden Holocaust und den anderen, ebenfalls schlimmen Pogromen gegen „andere“ Menschengruppen – nicht länger gesellschaftsfähig. Nur einige Zeitgenossen, die im Englischunterricht nicht richtig aufgepasst haben, übersetzen den im Englischen immer noch gebräuchlichen Begriff „races“ immer noch mit „Rassen“ ins Deutsche. Längst hat der Zeitgeist die ehemalige Überheblichkeit überwunden. Die meisten Menschen in Europa haben begriffen, dass wir alle eine einzige Rasse sind, Menschen. Wir bemühen uns, die Andersartigkeit anderer Menschengruppen vorsichtig zu umschreiben, um den Anschein von Rassismus nicht aufkommen zu lassen. Der heute oftmals verwendete, angeblich politisch korrekte Begriff „Ethnie“ ist allerdings eine Mogelpackung. Lassen wir das Schubladendenken über Menschen, die nicht unserem Spiegelbild entsprechen, doch einfach sein. „Von innen sind wir alle gleich“, hieß es in Karin Hentschels Fußballrevue aus Südafrika.

Doch wieder und wieder kommen Feindbilder nach vorn, in Gestalt äußerst rechts angesiedelter Parteien, in Gestalt vorgeblich demokratisch legitimierter Politiker und Regenten, die sich vor dem Hintergrund unserer gemeinsamen Geschichte der Menschheit nicht zu blöde sind, offen auszusprechen, dass sie sich für eine „Herrenrasse“, für besser als die anderen halten. Andersartigkeit wird immer noch und immer wieder unterdrückt, gar verboten, so zum Beispiel das Schwulsein in vielen Ländern. Oder das Recht, zu glauben, was man will. Wer jüdisch glaubt, Sinti oder Roma ist, hat momentan in Ungarn und anderswo schlechte Karten. Wieder mal. Die falsche Hautfarbe kann in einigen Landstrichen Europas fatale Folgen haben. Und die europäische Staatengemeinschaft schweigt beredt dazu.

Was aber treibt Menschen dazu, immer wieder in alte Denkmuster zu verfallen und allen Ernstes glauben zu wollen, dass sie selbst aus irgendeinem Grund die besseren Menschen, gar eine „Herrenrasse“ wären? Demokratie ist eine ziemlich alte Idee, die im Schatten der Nationalismus-Blütezeit wartete, um immer wieder neue Anläufe zu nehmen, sich als möglichst faires politisches System durchzusetzen. Fair dem Volk gegenüber, dessen Bedeutung im Nationalismus anders, brandgefährlich war. Heute aber verstehen die meisten Menschen unter dem Begriff „Volk“ die Menge aller Menschen, die in demselben Land leben und dort dieselbe Staatsbürgerschaft teilen. Da bleibt eigentlich kein Platz für Abgrenzung „anders“ aussehender Mitbürger, kein Raum für Volkstümelei und kein Anrecht auf eine Leitkultur. Doch diese Abgrenzung findet wieder deutlich statt. Die „Festung Europa“ ist eine offensichtliche Grenze, wie Flüchtlinge aus Afrika erleben oder auch nicht überleben. Doch Grenzen entstehen im Kopf, bevor sie als Mauern, Zäune und Schlagbäume errichtet werden.

Abgrenzung und Abschottung entstehen aus Angst. Ist es die Angst davor, im Multikulti der sich immer wieder neu formenden und alles andere als homogenen Volksmengen seine eigene Identität zu verlieren? Einige naive Zeitgenossen denken gar, Staatsgrenzen hätten Ewigkeitsrecht, so wie auch der Planet selbst sich nie verändern dürfte. Es scheint so, als wenn diejenigen, die Angst vor Europa haben, in Wahrheit Angst davor haben, andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind – mit ihrer anderen Identität, ihrer anderen Hautfarbe, ihrer anderen sexuellen Ausrichtung, ihrer anderen Kultur, ihrer anderen Werte und Normen. Dabei wäre es sicher interessant, wissenschaftlich zu untersuchen, was genau diese Angst ausmacht, die ein arbeitsloser glatzköpfiger ostdeutscher Mann fühlt, wenn er in seinem Ort einen Farbigen die Straße überqueren sieht. Oder was genau den Lederhosen-Bajuwaren ängstelt, wenn ein asiatisch aussehender Nachbar ihn mit einem zünftigen „Jo mei“ anspricht. Warum haben die gallischen Kampfhähne in Marseilles Angst vor Marokkanern, die für sie im Hafen arbeiten? Was steckt hinter der Angst norwegischer Elchjäger vor muslimischen Nachbarn?

Viele Zeitgenossen meiner Generation sind nicht nur mit Kino und Fernsehen, sondern speziell mit Science Fiction aufgewachsen. „Faszinierend“ war nicht nur der Running Gag von Mr. Spock in Raumschiff Enterprise, sondern ebenso der Anblick der von Menschen ausgedachten Fantasiewesen, die aus anderen Welten mit uns interagierten. Der Erfinder der Aliens ist gerade im Alter von 74 Jahren gestorben. Er schuf eine Figur, die uns vordergründig das Fürchten lehrt, aber die eigentlich genau wie wir ist und das tut, was wir alle wollen: Sie verteidigt sich und ihre Nachkommen vor Angriffen. Ripley lernt wie Alien zu denken und lernt zu verstehen. In manchen Science-Fiction-Filmen und -Geschichten verarbeiteten Autoren ihre verdeckt rassistischen Gedanken und versuchten, mit unterschiedlichen Ansätzen die immer wieder gleich plumpe Botschaft zu vermitteln: Frieden für uns gibt es nur, wenn wir alles Feindliche töten. Viele Science-Fiction-Autoren aber haben eine komplett gegenteilige Botschaft gesendet, allerdings nicht in ferne Welten hinaus, sondern an uns: Akzeptiert das Andersartige als Vielfalt. Frieden gibt es nur, wenn man akzeptiert, dass Anderssein nicht automatisch bedrohlich ist. Lernen wir voneinander. Eines der schönsten Beispiele dafür ist wohl „Enemy Mine – Geliebter Feind“.

Was hat das alles mit den wieder mal bevorstehenden Europawahlen zu tun? Ein anderes regelmäßig wiederkehrendes Europa-Ereignis ist gerade zuende gegangen: der Eurovision Song Contest. Dieses Jahr gewann zum zweiten Mal, nach 1998, eine Drag Queen den ESC. „Conchita Wurst“ heißt die Kunstperson, die der Österreicher Tom Neuwirth erschuf, um ein Zeichen gegen Diskriminierung von Andersartigkeit zu setzen. 1998 gewann Yaron Cohen, der sich damals „Dana International“ nannte und sich mittlerweile entschieden hat, sich vom Mann zur Frau umoperieren zu lassen, für Israel den ESC und setzte Zeichen. Der ESC gilt als Instrument der Völkerverständigung. „Wo gesungen wird, da lass Dich nieder; böse Menschen haben keine Lieder“ gilt immer noch und immer wieder. Und auch Conchita Wurst ist ein Symbol dafür, dass wir alle aufgefordert sind, Andersartigkeit als Bereicherung zu akzeptieren, nicht als Bedrohung unserer eigenen „Artigkeit“. Denn wer sagt uns eigentlich, ob nicht unsere Art zu sein für andere bedrohlich wirkt?

Menschen haben unterschiedliche Hautfarben, unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Sexualität, unterschiedliche Gedanken. „Die Gedanken sind frei“ ist ein bekanntes Volkslied und ein juristisch und gesellschaftlich längst anerkannter Wert. Aber sind wir schon bereit, ähnliche Lieder zu singen: „Die Hautfarbe ist frei“, „Die Sprache ist frei“, „Die Kultur ist frei“, „Die Sexualität ist frei“? Es wäre höchste Zeit dafür. Nationalismus birgt immer die Gefahr von Rassismus und Faschismus. Nationalismus bringt die Menschheit auf dumme Gedanken, auf den falschen Weg. Ein einiges Europa funktioniert nicht, indem man einfach möglichst viele Nationalstaaten unter einem gemeinsamen Dach vereint. Die wahre Chance Europas ist, die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit, die Andersartigkeit aller Mitglieder als das Einende zu begreifen. Wenn wir diese Vielfalt akzeptieren, kann eine wirklich gleichberechtigte, multikulturelle europäische Gesellschaft entstehen. Der Reichtum, den alle Menschen erst gemeinsam halten und entfalten können, heißt Akzeptanz des Anderen. Denn – von innen sind wir alle gleich.

Es ist höchste Zeit, die Vielfalt als Gemeinsamkeit zu begreifen, damit Europa den Nationalsmus überwinden kann.