UNICEF, bitte keine Doppelmoral mehr

Unicef.jpg
Das UN-Kinderhilfswerk

Das weltweite Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, UNICEF, hat unlängst in seinem deutschen Blog einen Artikel zum Thema Genitalverstümmelung bei Kindern mit dem Titel „Kein Kind sollte solche Schmerzen erfahren müssen“ veröffentlicht. Toll. Oder?

Nein, es geht hier nicht um Genitalverstümmelung bei allen Kindern, sondern „nur“ um Genitalverstümmelung bei Mädchen. Jungen sind mal wieder außen vor, von intergeschlechtlichen Kindern ganz zu schweigen.

Genitalverstümmelung bei Mädchen wird im Englischen oftmals als FGM (Female Genital Mutilation) abgekürzt. Wer FGM verharmlosen will, nennt es FGC (Female Genital Cutting). Ja, es gibt Menschen, die finden, Genitalverstümmelung bei Mädchen gäbe es nicht, es sei nur eine „Beschneidung“.

Genitalverstümmelung bei Jungen wird im Englischen oftmals als MGM (Male Genital Mutilation) abgekürzt. Wer MGM verharmlosen will, nennt es MGC (Male Genital Cutting). Ja, es gibt Menschen, die finden, Genitalverstümmelung bei Jungen gäbe es nicht, es sei nur eine „Beschneidung“. Daher redet man im englischen Sprachraum auch gern standardmäßig von female mutilation und male circumcision, um die Doppelmoral auch verbal zu festigen.

Genitalverstümmelung bei intersexuellen Kindern (IGM) wird bei den meisten Menschen einfach ausgeblendet, weil viele Menschen noch immer binär denken und meinen, es könne nur weibliche und männliche Menschen geben. Die Natur würfelt aber gern und bietet alle erdenklichen Varianten. Nur weil offensichtlich (sic!) weibliche und männliche Kinder am häufigsten vorkommen, heißt das im Sinne der Menschenrechte nicht, dass die anderen keine Rechte haben sollten.

Der UNICEF-Blog bietet eine Kommentarfunktion. Ob Kommentare erscheinen oder nicht, wird redaktionell festgelegt. Meine erschienen bisher nicht. So lautete einer:

„Es ist richtig und wichtig, dass gegen alle Fornen von Genitalverstümmelung an Kindern angegangen wird und diese weltweit verbreitete Praxis des Machtmissbrauchs durch Erwachsene an Kindern strafbar wird. Bei Mädchen und FGM ist das schon in vielen Ländern der Fall. Aber in allen Ländern, in denen es FGM gibt, gibt es auch MGM. Auch Genitalverstümmelung bei Jungen (und intersexuellen Kindern) muss strafbar werden.“

Netterweise hat mir UNICEF per E-Mail geantwortet:

„Vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihr Interesse an dem Thema.
 
Die weibliche Genitalverstümmelung/-beschneidung ist eine schwere Menschen- und Kinderrechtsverletzung. Sie kann zu lebenslangen Beschwerden und Komplikationen führen. Für viele Mädchen endet der Eingriff tödlich. Die Abschaffung dieser Praxis ist Ziel der internationalen Gemeinschaft in der Agenda für nachhaltige Entwicklung (SDG Ziel Nr. 5). Wir setzen uns für dieses Ziel ein, u.a. mit diesem Beitrag. Wir wissen, dass das Thema Jungenbeschneidung kontrovers und emotional diskutiert wird UNICEF nimmt die Bedenken ernst, die in Bezug auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung geäußert werden.
 
Mit freundlichen Grüßen

Ihr UNICEF-Infoservice
Spenderkommunikation
Bereich Kommunikation und Kinderrechte“

Ob es UNICEF hier um Kinderrechte oder doch nur um Spendenakquise geht, sei dahingestellt.

Meine Antwort per E-Mail an UNICEF sei auch dahingestellt, direkt hier:

„… vielen Dank für Ihre Antwort. Es ist aus Sicht aller Menschenrechtsaktivisten falsch, Genitalverstümmelung bei Mädchen (FGM) und Jungen (MGM) unterschiedlich zu bewerten.

Wenn es um quantitative Unterschiede gehen würde, müsste MGM viel eher geächtet werden als FGM, weil MGM zahlenmäßig weltweit viel häufiger vorkommt.

File:WHO global circumcision rates.jpg

Wenn es um qualitative Unterschiede gehen würde, müsste man genau differenzieren, um welche Art von FGM oder MGM es sich handelt. Die WHO hat dafür bei FGM sogar einen Katalog von Schweregraden festgelegt, bei denen einige deutlich unter der landläufig als „Beschneidung“ verstandenen männlichen Genitalverstümmelung liegen. Wenn z.B. in einem Ritual bei Mädchen nur ein klein wenig Haut an den Schamlippen eingeritzt wird, damit etwas Blut fließt („a ritual nick“), ist das mit einiger Sicherheit keine schwere Menschen- und Kinderrechtsverletzung, wenngleich es immer noch eine Körperverletzung ist.

Seit dem Roman „Wüstenblume“ von Waris Dirie ist in vielen Köpfen das Bild von der sogenannten pharaonischen Beschneidung bei Frauen und Mädchen, die tatsächlich eine extreme Genitalverstümmelung ist, mit dem Entfernen von Klitoris[spitze] und Schamlippen und dem anschließenden Zunähen der Vagina. Diese Form ist weltweit sehr selten.

MGM ist in der Ausführung und den Folgen genauso breit gefächert wie FGM. Das fängt an bei ebenfalls leichtem Einritzen der Genitalhaut, um etwas Blut fließen zu lassen, geht über das gewaltsame Entfernen von Teilen der Vorhaut oder der kompletten Vorhaut (die bei einem Erwachsenen ohne weiteres 15 Quadratzoll Fläche hat), über das Infibulieren und „Katheterisieren“ mittels Holzstäben oder Metallstäben, über Aufschlitzen und Spalten des kompletten Penis an der Unterseite bis hin zur kompletten Häutung des Genitalbereichs vom Anus bis zum Bauchnabel.

MGM wird in unseren Breitengraden immer als erstes mit der „rituellen jüdischen Beschneidung“ und dem islamischen Gegenstück assoziiert. Gerade in Deutschland denken viele Menschen aufgrund unserer Geschichte, dass man grundsätzlich nichts kritisieren darf, was irgendwas mit dem Judentum oder Islam zu tun hat. Daher gibt es in der Politik und vielen Menschenrechtsorganisationen eine Hemmschwelle, das Thema MGM an Kindern anzugehen und männlichen Kindern endlich denselben Schutz zu gewähren, den vielerorts weibliche Kinder schon genießen. Dabei hatte schon eine Umfrage Ende 2012 belegt, dass der Bundestag am 12.12.2012 mit seinem Beschneidungsgesetz nicht nur Gesetzesungleichheit für Mädchen und Jungen erlassen hat, sondern auch gegen die überwiegende Meinung der Bevölkerung entschieden hat.

IntactiWikiGraphicWarning.png

Selbst bei 14- bis 16-jährigen Jungen besteht noch oft keine Entscheidungsfreiheit, ob sie ihre Genitalien freiwillig verstümmeln lassen wollen. Sie sind dem Druck ihrer Community ausgesetzt und haben oftmals keine Wahl, weil sie sonst in ihrer Gemeinde geächtet werden. Ein sehr trauriges Beispiel hierfür sind die Initiationsriten (ulwaluko) der AmaXhosa in Südafrika. Erschreckende Bilder, die die Realität der Folgen solcher Genitalverstümmelungen zeigen, sind hier in unserem Intaktivismus-Wiki zu sehen: <https://de.intactiwiki.org/wiki/Ulwaluko>

Aber selbst, wenn es bei allen Kindern aller Geschlechter nur um die harmloseste Variante, das rituelle Einritzen von Haut, ginge, wäre es immer noch eine nicht zulässige Körperverletzung, wenn auch nicht mit derart lebenslangen Folgen.

Es ist an der Zeit, dass UNICEF seine zurückhaltende Position bei Genitalverstümmelungen an Kindern männlichen Geschlechts ändert und gleiche Rechte für alle Kinder einfordert. Alles andere wäre Doppelmoral, die weder quantitativ noch qualitativ zu rechtfertigen ist. Solange die UNICEF noch immer die Genitalverstümmelung an Jungen als angebliche Präventionsmaßnahme gegen HIV/AIDS unterstützt (siehe <https://de.intactiwiki.org/wiki/UNICEF>), muss sie sich diesen Vorwurf der Doppelmoral gefallen lassen. Die Unwirksamkeit dieser Maßnahmen in Afrika und der Studien, auf denen sie basieren, ist längst belegt und die Menschen dort gehen selbst dagegen vor, weil sie nicht länger Opfer eines immer noch in den Köpfen der westlichen Welt verankerten kolonialistischen Denkens sein wollen. Die Kinder selbst haben keine Wahl, solange das oberste Kinderhilfswerk der Welt sie nicht schützt.

Für weitere Informationen oder Fragen stehe ich gern zur Verfügung.“

Natürlich bilde ich mir nicht ein, dass eine E-Mail von mir an UNICEF viel bewegen würde. Aber zumindest habe ich es deutlich ausgesprochen:

UNICEF betreibt in puncto Kinderrechte Doppelmoral. Das muss aufhören.

Seit fünf Jahren sind Jungen in Deutschland rechtlos gestellt

Heute vor fünf Jahren, am 12.12.2012, hat der Deutsche Bundestag das sogenannte „Beschneidungsgesetz“ verabschiedet. Ein Gesetz, das minderjährige Jungen in Deutschland rechtlos stellt, was ihre Würde, ihre körperliche Unversehrtheit, ihre Sexualität und die Intaktheit ihrer Genitalien angeht.

Seit fünf Jahren können Eltern nach Lust und Laune die gesunden Genitalien ihrer männlichen minderjährigen Kinder verstümmeln lassen – ohne jegliche medizinische Indikation – solange der Arzt nur die Absicht hat, diese Genitalverstümmelung nach den Regeln der ärztlichen Kunst zu machen. (Wohlgemerkt, er muss es nicht lege artis tun – er muss es nur lege artis tun wollen.)

Seit fünf Jahren können religiöse Eltern dies sogar von Nichtärzten machen lassen, solange die männlichen Kinder nicht älter als sechs Monate sind. Ein Sonderrecht für bestimmte Religionsgemeinschaften. Kinder haben keine Religion und werden durch ihre Eltern entrechtet, die mit den Sprechern ihrer Religionsgemeinschaften lauthals dieses Sonderrecht einforderten.

Seit fünf Jahren sind Jungen Mädchen nicht mehr gleichgestellt. Sie haben kein Recht mehr auf ihre Würde, auf körperliche Unversehrtheit, auf gewaltlose Erziehung und auf ihre eigene Religionsfindung. Wenn die Eltern ihnen aus religiösen Gründen die verharmlosend so genannte „Vorhautbeschneidung“ verpassen, setzen sie ihren Kindern ein religiöses Brandzeichen, ein Stigma, das unauslöschlich bleibt. Kinder haben keine Religion und werden so für ihr ganzes Leben gebrandmarkt.

Seit fünf Jahren schäme ich mich, dass in Deutschland Menschen ungleich behandelt werden, wenn sie männlich und minderjährig sind, wenn sie Kinder religiöser Eltern sind, deren Empathie nicht reicht, um zu verstehen, was sie ihren Jungen damit antun, wenn sie Kinder uninformierter Eltern sind, die Ärzten mit veraltetem Wissen glauben, die festgestellte Phimose (Vorhautverklebung) ihres Kleinkindes sei behandlungsbedürftig. Längst ist bekannt, dass quasi jeder Junge mit einer natürlichen Phimose geboren wird, die sich in aller Regel bis zur Pubertät löst, aber auch noch länger bestehen kann. Normalerweise bedarf sie keiner Behandlung, schon gar nicht der Amputation der Vorhaut. Das ist veraltet und längst nicht mehr lege artis.

Seit fünf Jahren ist das sog. Beschneidungsgesetz, § 1631d BGB, ein unsäglicher Fremdkörper im deutschen Rechtswesen und ein Freifahrtschein für Eltern, Ärzte mit veraltetem Wissen und Beschneider, gesunde Genitalien männlicher Kinder zu beschädigen – ohne dass die Kinder ein Mitspracherecht, eine Einspruchmöglichkeit oder sonst eine Chance hätten, sich zu wehren. Die Fürsprecher der Kinder in aller Welt sind alle Intaktivisten weltweit, die sich für die Rechte aller Kinder gleich welchen Geschlechts auf körperliche Unversehrtheit und genitale Selbstbestimmung einsetzen. Viele aufgeschlossene und informierte Ärzte-Organisationen in ganz Europa haben mittlerweile klar Partei für die Kinder ergriffen und stehen an der Seite der Intaktivisten-Bewegung. Täglich werden es mehr, die erkennen, dass das Beschneidungsgesetz ein fataler Fehler ist.

Seit fünf Jahren werden wir täglich mehr. Der Kampf gegen das unsägliche Beschneidungsgesetz in Deutschland und gegen die sinnlose, schädigende Genitalverstümmelung von Kindergenitalien in aller Welt hört nicht auf. Ich bin stolz, dieser Bewegung anzugehören und mich für das Recht aller Kinder einsetzen zu können.

Und das ist gut so.

Auch Du kannst nichts dafür!

In seiner Autobiografie „Mein Abschied vom Himmel“ beschreibt Hamed Abdel-Samad sein bisheriges Leben, sehr eindrücklich, sehr intensiv, nach zwei psychischen Zusammenbrüchen. Mancher mag dieses Buch als Aufruf verstehen, sich vom Islam abzuwenden, doch genau das will er offensichtlich nicht. Man könnte das Buch als Tagebuch mit Rückblenden, als Therapiesitzung oder als Road-Movie-Script verstehen.

Dieses Buch ist weder eine Abrechnung mit meiner Kultur noch ein Aufruf zum Glaubensverlust. Mein Anliegen ist lediglich, die Widersprüche meines Lebens zu verstehen.

Dass sein Leben bisher voller Widersprüche ist, kann man nach der Lektüre sehr gut nachvollziehen. Er schildert seine Kindheit, sein Streben, wie sein Vater Imam zu werden, seine Verwirrung über anscheinend pädophile Züge, den Aufbruch (oder gar die Flucht?) in eine andere Welt (Deutschland), den Bruch mit dem Vater, seine Irrungen und Wirrungen von Armee über Muslimbruderschaft bis zu japanischen Lebensphilosophien. Seine Probleme mit Frauen und immer wieder Ängste: die Angst, vor seinem Vater nicht bestehen zu können; die Angst, pädophil zu sein; die Angst, sich in Liebe fallen zu lassen. Doch hinter all dem steht offensichtlich eine ganz andere Frage, zu der er in diesem Buch selbst die Antwort nicht findet:

Warum fühle ich mich so verletzt und habe Angst, jemanden zu lieben?

 

Im frühen Kapitel „Doppelte Entfremdung“ schildert er in einer Rückblende, wie er versucht, seine Schwester davon abzubringen, deren Tochter „beschneiden“ zu lassen.

Die Selbstverständlichkeit, mit der meine Schwester über die Beschneidung ihrer eigenen Tochter sprach, schockierte mich. Ich bat sie, das arme Mädchen nicht verstümmeln zu lassen.

»Keiner will sie verstümmeln. Das ist nur ein kleines Stück, das weg muss, damit sie ruhiger wird.«

»Lass den Unsinn«, sagte ich.

»Alle Menschen tun das, mein Junge, das ist Tradition!«, mischte sich meine Mutter ein.

»Und wenn alle Menschen anfangen, nackt auf der Straße zu laufen, werdet ihr auch das Gleiche tun?«, erwiderte ich.

»Jetzt benimm dich bitte!«, antwortete meine Mutter verärgert.

»Ich will nicht, dass sie, wenn sie erwachsen ist, den Jungs auf der Straße hinterherläuft und mit einer Schande nach Hause kommt«, wiederholte meine Schwester die übliche naive Argumentation.

»Sabah, erinnerst du dich nicht, wie schmerzhaft dieser Akt für dich selbst war? Wieso musst du deiner Tochter das Gleiche antun?«

Sabah schwieg eine Weile und antwortete wütend: »Will jeder, der ein paar Jahre in Europa gelebt hat, uns beibringen, was richtig und was falsch ist?«

Damit war die Diskussion beendet.

Es ist überdeutlich, dass da jemand sein eigenes Trauma verarbeiten und selbst erlebten Schaden von anderen abwenden will. Er ist dicht davor, zu erkennen, dass all dies eben auch mit ihm zu tun hat, wenn er projizierend schreibt:

Ich verstand nicht, wie Sabah, die selbst unter dieser Verstümmelung gelitten hatte, ihrer Tochter das Gleiche antun konnte. Hatte sie vergessen, wie empfindlich dieser Teil des Körpers ist? Waren ihr die Konsequenzen nicht bekannt? Tatsächlich denke ich, dass sie es vor allem tat, um einen Sinn für ihren eigenen Schmerz von damals zu finden. Hätte sie meinen Argumenten gegen die Beschneidung zugestimmt, dann hätte sie sich eingestanden, dass alles, was man ihr damals angetan hat, bloß grausamer Unsinn war, und sie all die Schmerzen umsonst ertragen hat.

Ihn lässt dieses Dilemma nicht los und er organisiert in seinem Dorf eine Kampagne gegen die Beschneidung, die jedoch nur wenig bewirkt.

 

Ich bin ein Kind von Gewalt und Liebe.

Dieser Satz am Anfang des Kapitels „Hamed der Zweite“ drückt Abdel-Samads Situation perfekt aus. Er schildert, dass er den Namen seines verstorbenen Bruders bekam und sich lange auch nur wie ein Ersatz für diesen fühlte. Dennoch beschreibt er ebenso deutlich, wie wohl er sich (in seiner Erinnerung) in den ersten vier Jahren gefühlt hat, von seiner Mutter geliebt, lange gestillt und verwöhnt worden zu sein. Er schildert, oftmals den naiven Standpunkt des damaligen Kindes wieder einnehmend, seine Beobachtungen des so widersprüchlichen Systems Islam, die Rituale und Regeln, die zu missachten den Ausschluss aus der Gesellschaft nach sich zieht.

Abschied von der Kindheit

Dann beschreibt er den Tag, an dem er selbst und seine Schwester Sabah genitalverstümmelt wurden. Dieses traumatisierende Erlebnis malt er in den passenden, düsteren Farben und stellt richtige, kritische Fragen. Dann aber hüllt er seinen Schmerz und sein Trauma in naive, von den Erwachsenen übernommene Phrasen wie:

Mit einem Initiationsritual sollte ich der Welt der Erwachsenen ein Stück näherkommen.

oder

Bald war meine Wunde verheilt, und der Anblick meines Penis erfreute mich. Er war nun viel appetitlicher als zuvor.

Das sind keine authentischen Gedanken eines vierjährigen Jungen, sondern von Abdel-Samad nachträglich gesuchte Entschuldigungen. Zwar bleibt das Erlebnis für ihn traumatisch, aber er projiziert sein eigenes Leid nur auf seine Schwester, wenn er Fragen stellt wie:

Was gibt einem Mann das Recht, einer Frau das anzutun? Wusste Meister Fathi irgendwas über die Klitoris meiner Schwester? Wusste er, wie viele Nerven sich da konzentrierten? Je älter ich wurde und je mehr ich darüber wusste, desto schockierter war ich. Wusste er, warum und für wen er das tat? Warum war ich der Prinz und sie keine Prinzessin?

Er sucht Rat in der Religionslehre, mit der er aufgewachsen ist, findet aber keine abschließende, ihn zufriedenstellende Antwort, sondern nur eine weitere Angst:

Am Tag nach der Beschneidung hatte ich bereits meine Schwester und ihren Schmerz vergessen und war mit mir selbst beschäftigt. Ich frage meine Mutter, warum man mir den Penis weggeschnitten hätte und ob ich jetzt nicht mehr pinkeln könne.

»Kein Mensch hat deinen Penis abgeschnitten. Es war nur ein kleines Stückchen Haut!« Meine Mutter erzählte mir eine gruselige Geschichte, die mir die Entstehung der Beschneidung erklären sollte. Sie handelte von einem alten Mann namens Abraham, der im Begriff war, seinen erstgeborenen Sohn zu schlachten, weil er das im Traum sah und davon ausging, dass Gott das so wollte. Abraham legte das Messer auf den Nacken seines Sohnes und wollte ihn töten, doch im letzten Moment wurde das Messer stumpf. Dann kam ein Lamm aus dem Himmel, das Abraham statt seines Sohnes für Gott opferte, und der Junge wurde gerettet. Muslime beschneiden ihre Kinder, um der Rettung von Abrahams Kind zu gedenken. Ich verstand nicht, was genau diese Geschichte mit meinem Penis zu tun haben sollte, und hatte danach ständig Angst, mein Vater könne nach einem schlechten Traum auf die Idee kommen, mich Gott zu opfern.

Das Trauma wird hier in eine kognitive Dissonanz umgemünzt. Obwohl die Genitalverstümmelung schlimm war (und bleibende Folgen haben wird), kann sie nicht schlimm gewesen sein, weil sein sehr gottesfürchtiger Vater, der Imam des Dorfes, ihn sicher liebt und es nur zur Ehre Allahs getan hat. Dies ist ein klassisches Dilemma, in dem fast alle Menschen stecken, die als Kinder genitalverstümmelt wurden.

Im weiteren Verlauf des Buches erfährt man allerhand Spannendes über Abdel-Samads Leben und Werdegang, interessante Einblicke in die islamische Welt mit ihrer Religion, ihrer sexuellen Verklemmtheit und ihrer politischen Seite. Er schildert (nach der Genitalverstümmelung) von weiterer sexueller Gewalt, die er als Junge erlitt, der mehrfach von anderen Jungen vergewaltigt wurde. Er erzählt von seinen Bindungsängsten, von seinem immerwährenden Hunger nach Bildung, Liebe und Anerkennung, doch eigentlich nur auf der Suche nach Geborgenheit und (verlorenem) Urvertrauen.

Hamad Abdel-Samads Urvertrauen zu seiner Mutter und seinem Vater wurde ihm von diesen im zarten Alter von vier Jahren geraubt. Sie zerstörten es, indem sie in seine „Beschneidung“ einwilligten. In einem starren Gerüst gesellschaftlicher Zwänge aufgewachsen, das er aufgrund seines hohen Intellekts immer wieder infragestellen musste, bleibt ihm nichts als die Flucht aus dieser Gesellschaft – in ihm tatsächlich fremde Welten wie Deutschland, Europa, Japan.

In einer langen Analyse vergleicht er Ägyptens, Deutschlands und Japans Gesellschaften miteinander, um eigentlich nur herauszufinden, was in seinem eigenen Leben schiefgegangen ist:

Überall müssen Kinder, die von den Regeln der eigenen Gesellschaft unterdrückt werden, den Leistungsdruck abfedern, den schon ihre Eltern nicht aushalten konnten.
Es ist schwer, einen einzelnen Schuldigen zu finden, den ich für meine Misere verantwortlich machen kann. Eine stupide, endlose Kette der Gewalt regiert die Welt, und alle Systeme scheinen miteinander zu kollaborieren.

Obwohl er kurz davor ist, „aus seinem Beschneidungskoma zu erwachen“, gelingt es ihm doch letztlich nicht, auch wenn er durch das Schreiben seiner Autobiografie auf gutem Wege scheint, denn er beschreibt alle Symptome, die kurz vor diesem von Lindsay R. Watson in „Unaussprechliche Verstümmelungen – Beschnittene Männer sprechen darüber“ beschriebenem Erwachen auftreten:

Nachdem ich die Kurzfassung meiner Autobiografie beendet hatte, war ich nicht mehr derselbe. Plötzlich war der gebrochene Mann wieder da. Unkontrollierte Emotionen fingen an, unter der Betondecke zu brodeln. Ich spürte, dass das gesamte seelische Fundament, auf dem ich stehe, extrem instabil ist. […] Wie viele Lügen, wie viele Wunden und Narben würden wieder aufplatzen? Die Identitätskonflikte und das Gefühlschaos, die aus den vielfachen Verortungen, Umorientierungen und Lagerwechseln in meinem Leben entstanden waren, hatten tiefe Spuren hinterlassen, die nicht allein durch die Versöhnung mit der Familie und eine Eheschließung geheilt werden konnten.

Seine Frau Connie hat das längst erkannt:

»Du weißt, wie sehr ich deine Eltern schätze, aber ich glaube, du belügst dich selbst. Du schaffst es nicht, deine Eltern mit deiner Geschichte zu konfrontieren, deshalb versuchst du, sie stattdessen zu vergöttlichen.«

[…]

»Nein. Es geht mich an, Hamed. Ich bin deine Frau, und ich sehe, dass du ein gefährliches Spiel spielst. Ich sehe, dass es dir schlechtgeht. Aber anstatt über dein Problem nachzudenken, läufst du davon.«

Dieser Vorwurf, der so exakt ins Schwarze trifft, traf auch ihn – so sehr, dass er seine geliebte Connie schlägt. Nicht aus Versehen, sondern aus purer Verzweiflung, Gewalt als Ventil, wie er es als Kind kennenlernte.

Als ich aus dem Rausch meiner Wut erwachte, lag sie am Boden und sagte, dass sie nichts hören kann. […]

Hier schreibt ein traumatisiertes, hochintelligentes Kind über seinen verzweifelten Weg, herauszufinden, warum man ihm Dinge angetan hat, die sich mit Empathie, Logik und Liebe nicht erklären lassen. Doch schafft er es – zumindest in diesem Buch – nicht, den Kern seines Traumas zu erfassen und aus seinem Beschneidungskoma zu erwachen.

Meine einzige Bestrafung bestand darin, dass sie mir verziehen hat und bei mir blieb. Jeden Tag musste ich die schmerzlichen Spuren meiner Gewalt auf ihrem Gesicht sehen. Ich schäme mich für meinen Vater und meine beiden Brüder, die ihre Frauen regelmäßig schlagen. Ich schäme mich für die Sure 4 des Korans, die Gewalt gegen die eigene Ehefrau billigt. […] Ich schäme mich, dass ich um nichts besser war als jeder Mann, der mich kränkte. Ein Teil von mir identifiziert sich offenbar auf perverse Weise mit jenen Männern, die ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen zutiefst verabscheute. Ich war voller Wut und voller Fragen und fühlte mich ohnmächtig und verlassen. Drei Monate lang sperrte ich mich selbst zu Hause ein, bevor ich zu meinem Leidensdruck stehen konnte und aus eigenem Entschluss in die Psychosomatikklinik ging.

Die für mich ergreifendste Szene im Film „Good Will Hunting“ ist die, wo der Psychoanalytiker zu Will immer wieder beruhigend sagt: »Du kannst nichts dafür!«

Ich wünsche Hamed Abdel-Samad, dass auch er – wie schon so viele Betroffene vor ihm – es schaffen kann, aus seinem Beschneidungskoma zu erwachen, durch welchen Trigger auch immer. Die deutsche Übersetzung des Buchs „Unspeakable Mutilations – Circumcised Men Speak Out“ von Lindsay R. Watson könnte ihm helfen, zu sehen, dass er nicht allein ist und dass es Wege gibt, mit diesem Trauma leben zu können. (Ich habe ihm das Buch geschenkt.)

 

[Hervorhebungen in den Zitaten von mir.]