ESC konzeptionell in einer Sackgasse?

Gestern abend fand einmal mehr ein Jubiläums-ESC statt – der 60. in Folge. Diesmal aus Wien, mit 45 zugeschalteten Ländern, erstmals mit China, erstmals mit Australien als Teilnehmerland (wegen der treuen Fangemeinde und des Jubiläums).

Deutschland null Punkte

Aua, das tat weh. Der Song „Black Smoke“ war so schlecht nicht, auch wenn er von Anfang an nur zweite Wahl der zweiten Wahl war. (Ich schrieb ja schon drüber.) Ann Sophie hat ihren Titel prima vorgetragen, Deutschland gut vertreten, alles gut. Aber dann – null Punkte für Deutschland, und Österreich. Die anderen am Ende der Fahnenstange ebenfalls mit peinlichen einstelligen Ergebnissen, während Schweden, Russland und Italien fett absahnten.

Big Five – Big Fail?

Der ESC kennt seit Jahren das Prinzip der Big Five: Seit 2011 nehmen Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien unabhängig von ihrer Platzierung im Vorjahr automatisch teil, weil sie die größten Einzahler in den EBU-Etat leisten. Das bedeutet, dass diese fünf Länder sich von der Angst freikaufen, den Einzug ins Finale zu verpassen. Dadurch wird automatisch weniger auf den Song geachtet, der im Finale gegen die anderen antritt – weil man ja schon im Finale ist. Aber dadurch tritt auch ein anderer Doppeleffekt ein: Der Interpret hat keine Chance, den Titel tatsächlich auf seine ESC-Tauglichkeit zu testen. Das Publikum hat keine Chance, diese Titel schon in einem der Halbfinale zu bewerten und eventuell dort schon zu pushen oder rauszuwählen. So ist auch dieses Mal wieder festzustellen gewesen, dass die Big Five im letzten Viertel landeten: Spanien 21. Platz (15 Punkte), UK 24. (5 Punkte), Frankreich 25. (4 Punkte), Deutschland 26. (0 Punkte). – Aber dann ist da noch Italien (3. Platz, 292 Punkte). Glück oder Zufall? Zeitgeschmack getroffen oder tatsächlich besser auf den Titel geachtet? Immerhin hat Italien auch noch den Presse-Preis des ESC bekommen, wurde also von der Presse-Jury als bester Titel im Rahmen des seit 2002 vergebenen Marcel-Bezençon-Preises ausgezeichnet. Und der italienische Titel war zuvor im nationalen Entscheid beim legendären fünftägigen Sanremo-Festival als Sieger hervorgegangen. Und Deutschlands Titel kam auf recht abenteuerliche Weise zustande (s.o.). Mit „Jump the Gun“, dem eigentlichen Toptitel von Ann Sophie, hätte sie m.E. mehr Chancen gehabt.

Ein neuer Weg?

Wäre ich einer der ESC-Macher, würde ich drei Änderungen einführen:

  1. Das Konzept der Big Five wird abgeschafft. Das erhöht den Ansporn der Länder, die wirklich Besten ins Rennen zu schicken.
  2. Der ESC wird nach und nach immer weiter ausgebaut in einen GSC (Global Song Contest). „Brücken bauen“, das Motto des diesjährigen Jubiläums-ESC, funktioniert letztendlich nur, wenn es gleich global gedacht wird.
  3. Jedes Land kann für alle Finalisten-Länder Punkte vergeben, außer für das eigene. Das würde bei 27 Finalisten heißen, dass 26 Länder von 1 bis 26 Punkte bekommen können.
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Der eigentliche Eklat beim deutschen ESC-Vorentscheid 2015

Am 5. März fand der deutsche Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2015 in Hannover statt. Wildcard-Gewinnerin Ann Sophie und The-Voice-Gewinner Andreas Kümmert waren hoch gehandelt. Beide landeten im sog. Halbfinale, also unter den letzten Vier des Vorentscheids.

Geht es um Songs oder um Anrufe?

Seit geraumer Zeit wird der deutsche Vorentscheid mit zwei neuen Spielregeln durchgeführt: Zum einen können sich seit 2014 zehn SängerInnen oder Bands mit einem Video für das sog. Clubkonzert bewerben. Wer dort durch Televoting gewinnt, bekommt eine Wildcard für den deutschen ESC-Vorentscheid. Gesungen wird ein Song, dann wird abgestimmt.

Zudem gibt es jetzt die Neuregelung, dass beim deutschen Vorentscheid die acht KandidatInnen zweimal antreten müssen. Sie singen natürlich alle ihren Toptitel, mit dem sie ja erst in diesen Vorentscheid hineingekommen sind. Wer würde schon so dreist sein, darauf zu setzen, mit der zweiten Wahl weiterzukommen, wenn es einen besseren Song im Repertoire gibt?

Also wird eine kleine Fußballmeisterschaft nachgespielt, die nur einen Zweck hat: Geld verdienen durch Televoting. Auch weil die Anrufe nicht die Welt kosten, oder gerade deshalb, ruft alle Welt an, oft sogar mehrfach, bis die Telefonrechnung qualmt.

Für die gescriptete Dramaturgie dieses Vorentscheids ist es also nötig, dass die KandidatInnen zwei Titel im Koffer haben. Dass der zweite Song auch die zweite Wahl ist, dürfte offensichtlich sein. Wie sonst hätten sie es mit dem ersten Titel ihrer Wahl so weit geschafft.

Peinlich in dem Zusammenhang, dass zwischen Song #1 und Song #2 Einspieler gezeigt werden, die vor dem Vorentscheid gefilmt und produziert wurden und zeigen sollen, wie sehr sich diejenigen, die ins Halbfinale des Vorentscheids gekommen sind, über den Erfolg freuen. Das ist „scripted reality“, und auch noch schlecht gemacht.

Und so ruft das DSDS- und Voice-konditionierte Wahlvolk auch beim ESC-Vorentscheid über Gebühr oft an, um den eigenen Favoriten nach oben zu voten. Spannung wird durch die Entscheidung, einem Favoriten auch einen der beiden Songs zuzuschreiben, nicht erzeugt. Nur Televoting-Einnahmen. Hatte ich schon erwähnt, was eine „zweite Wahl“ ist?

Wen kümmert Kümmerts Verzicht?

Nun der angebliche Eklat: Da gewinnt Andreas Kümmert (für mich überraschend, aber okay) den Vorentscheid. Seine Songs waren gut, alle beide, seine Stimme – trotz Fiebers – sehr ausdrucksstark, seine Bühnenpräsenz die eines neuen Joe Cocker. Ich sage nichts Abfälliges zu seiner Figur und Optik, wie es andere taten – ich höre Musik mit den Ohren, nicht mit den Augen.

Und dann stellt er sich neben die Nervensäge Schöneberger und verkündet nach einem schüchtern-höflichen Dank für die Wahl: „Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen“. Er gibt seinen Titel und damit das Ticket nach Wien zum ESC 2015 ab an die Zweitplatzierte, Ann Sophie. Wenn Schöneberger sprachlos werden sollte, wird sie ordinär – und bewertet diesen Moment als „Coitus interruptus der schlimmsten Sorte“. Ann Sophie ist wie versteinert, durchlebt ein Wechselbad der Gefühle. Erst wieder rauszugehen auf die Bühne, dem Endergebnis entgegenfiebernd, dann zu verarbeiten, dass sie „nur Zweite“ wird, um Sekunden später verstehen zu müssen, dass sie es doch geschafft hat und weiterkommt. Das ist hart.

Was ging in Andreas Kümmert vor sich? Tage zuvor war er von der BLÖD-Zeitung niedergeschrieben worden; eine Schmutzkampagne der üblichen Art, wie sie kaum einer gesund übersteht. Andere Mainstream-Medien, seine Fans und Kritiker, und natürlich der immer alles am besten wissende Mob schießen sich auf ihn ein – die übliche Vorgehensweise. Nichts Genaues weiß man nicht, aber immer feste druff. Wird schon was dran sein. Dabei gibt es Gegenstimmen, die das Bild ganz anders zeichnen als die BLÖD, z.B. die Main-Post.

Wer so von der Widerlich-Presse angegangen und als Sau durchs mediale Dorf getrieben wird, tut gut daran, aus dem Fokus zu treten, ein klares Statement zum Vorwurf abzugeben und dann zu schweigen. Auch der größte Shitstorm dauert nicht ewig. Ich vermute, Kümmert war fix und fertig und fiebrig genug, diesen Rückzieher jetzt zu wagen, um sich und seine gerade begonnene Karriere nicht weiter zu beschädigen. Wäre er nach Wien gefahren, hätten sich die Medien, die natürlich nach Informationen über sein Vorleben und seinen Werdegang suchen, weiterhin und nun noch verstärkt an diesem umstrittenen Kneipenkonzert in Eppingen hochgezogen und hätten ihn weiter niedergeschrieben. Ob er überhaupt der ESC-Gewinnertyp ist, sei dahingestellt. Er ist einer, der noch in der Lage ist, auf sein Herz zu hören. Hut ab, und gute Besserung, Andreas Kümmert.

Warum zweite Wahl nie das Optimum ist

Der für mich eigentliche Eklat ist ein ganz anderer. Da singt sich Ann Sophie mit ihrer tollen Stimme und ihrem wirklich ESC-hitverdächtigen „Jump the Gun“ in die Herzen derer, die beim ESC-Clubkonzert aus zehn KandidatInnen auswählten. Sie bekam mit diesem coolen Ohrwurm die Wildcard für den Vorentscheid. Sie landete mit diesem perfekt auf den ESC zugeschnittenen Titel unter den letzten Vier, um dann den zwar schönen, aber nicht auf Hit gestrickten zweiten Titel „Black Smoke“ nachliefern zu müssen. – Und dann wählt sie das Televoting-Wahlvolk mit eben diesem Zweite-Wahl-Titel auf den zweiten Platz. Ist sie nun gezwungen, diese zweite Wahl in Wien zu singen, oder wie Schreckschraubenfrisur Babsi Schöneberger nicht müde wurde, zu sagen, zu „performen“?

Ann Sophie (Dürmeyer, geb. 1990 in London) bringt alles mit, was eine ESC-Siegerin braucht: Sie hat eine kräftige, ausdrucksvolle, geschulte Gesangsstimme, eine Ausstrahlung und Bühnenpräsenz, die bei allen KandidatInnen von Clubkonzert und Vorentscheid ihresgleichen suchten, weiß nicht nur mit Farben, sondern auch mit vollem Körpereinsatz ihre musikalischen Inhalte zu unterstreichen und hat die Coolness und die Charakterstärke, die es braucht, um sowas wie den ESC durchzustehen – und zu überstehen. Eine gewisse Ähnlichkeit zu Lena (Meyer-Landrut), die ihr manche optisch nachsagen, ist weder wichtig noch erfolgversprechend.

Denn am Ende zählt der Song und seine Wirkung – im Radio, im Kopfhörer – ohne Bühnentheater, Lasershow und Schminke.

Der ESC ist immer noch ein Song Contest. Aber er läuft Gefahr, zu einer simplen Televoting-Show zu werden, derer es längst mehr als genug gibt.

Dass Ann Sophie durch den Verzicht Kümmerts den Vorentscheid für sich entschied, ist kein Eklat. Das kommt allenthalben vor. Manche sind sogar schon mangels Wettbewerb Gewinner geworden. Das alles macht Ann Sophie überhaupt nicht zur zweiten Wahl.

Der eigentliche Eklat wäre, wenn Ann Sophie durch irgendwelche ESC-Regeln gezwungen würde, nur die zweite Wahl singen zu müssen und dadurch die besten Chancen auf einen Topplatz oder sogar den ESC-Sieg zu verspielen.

Wäre ich an der Stelle des deutschen ESC-Komittees, würde ich die Neuregelung des zweiten Songs zur Steigerung der Televoting-Einnahmen schleunigst wieder abschaffen, um den noch immer vorhandenen Anspruch an den ESC nicht vollends zu verspielen. Oder zumindest nicht die Songs, sondern die KandidatInnen durch das Televoting-Wahlvolk wählen zu lassen.

Wäre ich an Ann Sophies Stelle, würde ich jetzt für einen weiteren Eklat sorgen und erklären, trotz Televoting meine erste Wahl zu singen. Das schafft positive mediale Aufmerksamkeit, für sie und den Titel „Jump the Gun“.

FGM folgt MGM // FGM follows MGM

[English translation see below:]

An alle PolitikerInnen, Emanzen, Machos, Religiöse und sonstige Menschen, die noch immer überzeugt sind, dass man FGM und MGM nicht vergleichen kann/darf/muss – und dass beides nichts miteinander zu tun habe:

Die weibliche Genitalverstümmelung (FGM) wird weltweit erst aufhören, wenn die männliche Genitalverstümmelung (MGM) weltweit aufgehört hat. In allen Ländern, in denen es FGM gibt, gibt es auch MGM.

Der von Menschenrechten und Grundrechten geforderte Respekt ALLEN KINDERN gegenüber verlangt Gleichbehandlung. Und es spielt keine Rolle, wie schwer die Verstümmelung ausfällt – der Akt der Genitalverstümmelung an sich ist das Frevelhafte. Und wenn es noch so sehr mit Ausreden und Ideologien verbrämt wird.

Am 07.05.2015 begehen wir den 3. Weltweiten Tag der Genitalen Selbstbestimmung, in Erinnerung an das richtungsweisende Kölner Urteil vom 07.05.2012. – Wie lange sollen Kinder noch darauf warten, bis die Erwachsenen ihnen endlich ihre Rechte gewähren, die ihnen längst zustehen?

 


[English:]

To all politicians, feminists, men’s rights advocates, religious and other people who still are convinced that one cannot /must not / should not compare FGM and MGM – and who believe that both have nothing in common:

Female genital mutilation (FGM) will only be stopped worldwide when male genital mutilation (MGM) has been stopped worldwide. In all countries where there is FGM, there is also MGM.

Human Rights and fundamental rights demand a fair approach: ALL CHILDREN deserve equal treatment. And it does not matter how the mutilation is done – the act of genital mutilation is reprehensible in and of itself. Even if it is justified with medical excuses and personal ideologies.

On May 7th, 2015, we celebrate the 3rd Worldwide Day of Genital Autonomy, in memory of the historical, ground-breaking Cologne judgment of 2012-05-07. – How long should children have to wait until adults finally grant them their rights, which they’ve been entitled to all along?

Ist Europa schon reif, den Nationalismus zu überwinden?

Europawahlen haben ein eigentümliches Eigenleben. Und in jedem der mittlerweile 28 Mitgliedsländer ein anderes Eigenleben. Seit geraumer Zeit ist wieder zu beobachten, dass sich Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Antiislamismus und andere Anti-ismen wieder ausbreiten. Viel stärker, als dass man es ignorieren oder wegdiskutieren kann. Immer neue Parteien tauchen auf, die vorgeben, nur das Wohl ihres Landes im Blick zu haben, die aber bei näherem Hinsehen offen nationalistisch oder noch reaktionärer auftreten. Ist die Demokratie Europas stark genug, diese neu erstarkten Kräfte rechtsaußen zu verkraften?

Nationalismus ist eine Idee, die im 17. Jahrhundert aufkam, sich im 18. und 19. Jahrhundert stark entwickelte und im von Nazideutschland angezettelten Zweiten Weltkrieg ihren bisher fatalsten Höhepunkt erlebte. Nationalismus lebt von der Idee des Volks und der Nation, lebt von Abgrenzung, Abschottung und übersteigertem Selbstwertgefühl. Zur Blütezeit des europäischen Nationalismus dachten wohl die meisten Menschen, ihr eigenes Volk sei – aus welchen Gründen auch immer – das beste aller Völker und habe ein angestammtes Recht zum Überleben, das anderen Völkern nicht automatisch auch zugestanden wurde. Die Begriffe „Volk“ und „Nation“ speisten und gestalteten sich aus einer passend dazu konstruierten nationalen Geschichtsschreibung, die bis hin zu rassistischen Weltbildern führten. Der israelische Historiker Shlomo Sand führt uns wunderbar vor Augen, wie der Nationalismus sich entwickelt hat. „Herrenrassen“ gab es nicht nur im deutschen Weltbild. Einige Menschen auf unserem blauen Planeten wurden von anderen damals als Nichtmenschen, als Tiere oder Untermenschen angesehen. Wohin das alles führte, steht in den Geschichtsbüchern. Aber anscheinend wird Lesen heute überbewertet. Doch Lesen bildet und Wissen macht frei.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hörte die Menschheit zwar nicht auf, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und aus ideologischen, materiellen oder religiösen Gründen aufeinander zu schießen. Aber der Gedanke des Rassismus war – Bringschuld nach dem verheerenden Holocaust und den anderen, ebenfalls schlimmen Pogromen gegen „andere“ Menschengruppen – nicht länger gesellschaftsfähig. Nur einige Zeitgenossen, die im Englischunterricht nicht richtig aufgepasst haben, übersetzen den im Englischen immer noch gebräuchlichen Begriff „races“ immer noch mit „Rassen“ ins Deutsche. Längst hat der Zeitgeist die ehemalige Überheblichkeit überwunden. Die meisten Menschen in Europa haben begriffen, dass wir alle eine einzige Rasse sind, Menschen. Wir bemühen uns, die Andersartigkeit anderer Menschengruppen vorsichtig zu umschreiben, um den Anschein von Rassismus nicht aufkommen zu lassen. Der heute oftmals verwendete, angeblich politisch korrekte Begriff „Ethnie“ ist allerdings eine Mogelpackung. Lassen wir das Schubladendenken über Menschen, die nicht unserem Spiegelbild entsprechen, doch einfach sein. „Von innen sind wir alle gleich“, hieß es in Karin Hentschels Fußballrevue aus Südafrika.

Doch wieder und wieder kommen Feindbilder nach vorn, in Gestalt äußerst rechts angesiedelter Parteien, in Gestalt vorgeblich demokratisch legitimierter Politiker und Regenten, die sich vor dem Hintergrund unserer gemeinsamen Geschichte der Menschheit nicht zu blöde sind, offen auszusprechen, dass sie sich für eine „Herrenrasse“, für besser als die anderen halten. Andersartigkeit wird immer noch und immer wieder unterdrückt, gar verboten, so zum Beispiel das Schwulsein in vielen Ländern. Oder das Recht, zu glauben, was man will. Wer jüdisch glaubt, Sinti oder Roma ist, hat momentan in Ungarn und anderswo schlechte Karten. Wieder mal. Die falsche Hautfarbe kann in einigen Landstrichen Europas fatale Folgen haben. Und die europäische Staatengemeinschaft schweigt beredt dazu.

Was aber treibt Menschen dazu, immer wieder in alte Denkmuster zu verfallen und allen Ernstes glauben zu wollen, dass sie selbst aus irgendeinem Grund die besseren Menschen, gar eine „Herrenrasse“ wären? Demokratie ist eine ziemlich alte Idee, die im Schatten der Nationalismus-Blütezeit wartete, um immer wieder neue Anläufe zu nehmen, sich als möglichst faires politisches System durchzusetzen. Fair dem Volk gegenüber, dessen Bedeutung im Nationalismus anders, brandgefährlich war. Heute aber verstehen die meisten Menschen unter dem Begriff „Volk“ die Menge aller Menschen, die in demselben Land leben und dort dieselbe Staatsbürgerschaft teilen. Da bleibt eigentlich kein Platz für Abgrenzung „anders“ aussehender Mitbürger, kein Raum für Volkstümelei und kein Anrecht auf eine Leitkultur. Doch diese Abgrenzung findet wieder deutlich statt. Die „Festung Europa“ ist eine offensichtliche Grenze, wie Flüchtlinge aus Afrika erleben oder auch nicht überleben. Doch Grenzen entstehen im Kopf, bevor sie als Mauern, Zäune und Schlagbäume errichtet werden.

Abgrenzung und Abschottung entstehen aus Angst. Ist es die Angst davor, im Multikulti der sich immer wieder neu formenden und alles andere als homogenen Volksmengen seine eigene Identität zu verlieren? Einige naive Zeitgenossen denken gar, Staatsgrenzen hätten Ewigkeitsrecht, so wie auch der Planet selbst sich nie verändern dürfte. Es scheint so, als wenn diejenigen, die Angst vor Europa haben, in Wahrheit Angst davor haben, andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind – mit ihrer anderen Identität, ihrer anderen Hautfarbe, ihrer anderen sexuellen Ausrichtung, ihrer anderen Kultur, ihrer anderen Werte und Normen. Dabei wäre es sicher interessant, wissenschaftlich zu untersuchen, was genau diese Angst ausmacht, die ein arbeitsloser glatzköpfiger ostdeutscher Mann fühlt, wenn er in seinem Ort einen Farbigen die Straße überqueren sieht. Oder was genau den Lederhosen-Bajuwaren ängstelt, wenn ein asiatisch aussehender Nachbar ihn mit einem zünftigen „Jo mei“ anspricht. Warum haben die gallischen Kampfhähne in Marseilles Angst vor Marokkanern, die für sie im Hafen arbeiten? Was steckt hinter der Angst norwegischer Elchjäger vor muslimischen Nachbarn?

Viele Zeitgenossen meiner Generation sind nicht nur mit Kino und Fernsehen, sondern speziell mit Science Fiction aufgewachsen. „Faszinierend“ war nicht nur der Running Gag von Mr. Spock in Raumschiff Enterprise, sondern ebenso der Anblick der von Menschen ausgedachten Fantasiewesen, die aus anderen Welten mit uns interagierten. Der Erfinder der Aliens ist gerade im Alter von 74 Jahren gestorben. Er schuf eine Figur, die uns vordergründig das Fürchten lehrt, aber die eigentlich genau wie wir ist und das tut, was wir alle wollen: Sie verteidigt sich und ihre Nachkommen vor Angriffen. Ripley lernt wie Alien zu denken und lernt zu verstehen. In manchen Science-Fiction-Filmen und -Geschichten verarbeiteten Autoren ihre verdeckt rassistischen Gedanken und versuchten, mit unterschiedlichen Ansätzen die immer wieder gleich plumpe Botschaft zu vermitteln: Frieden für uns gibt es nur, wenn wir alles Feindliche töten. Viele Science-Fiction-Autoren aber haben eine komplett gegenteilige Botschaft gesendet, allerdings nicht in ferne Welten hinaus, sondern an uns: Akzeptiert das Andersartige als Vielfalt. Frieden gibt es nur, wenn man akzeptiert, dass Anderssein nicht automatisch bedrohlich ist. Lernen wir voneinander. Eines der schönsten Beispiele dafür ist wohl „Enemy Mine – Geliebter Feind“.

Was hat das alles mit den wieder mal bevorstehenden Europawahlen zu tun? Ein anderes regelmäßig wiederkehrendes Europa-Ereignis ist gerade zuende gegangen: der Eurovision Song Contest. Dieses Jahr gewann zum zweiten Mal, nach 1998, eine Drag Queen den ESC. „Conchita Wurst“ heißt die Kunstperson, die der Österreicher Tom Neuwirth erschuf, um ein Zeichen gegen Diskriminierung von Andersartigkeit zu setzen. 1998 gewann Yaron Cohen, der sich damals „Dana International“ nannte und sich mittlerweile entschieden hat, sich vom Mann zur Frau umoperieren zu lassen, für Israel den ESC und setzte Zeichen. Der ESC gilt als Instrument der Völkerverständigung. „Wo gesungen wird, da lass Dich nieder; böse Menschen haben keine Lieder“ gilt immer noch und immer wieder. Und auch Conchita Wurst ist ein Symbol dafür, dass wir alle aufgefordert sind, Andersartigkeit als Bereicherung zu akzeptieren, nicht als Bedrohung unserer eigenen „Artigkeit“. Denn wer sagt uns eigentlich, ob nicht unsere Art zu sein für andere bedrohlich wirkt?

Menschen haben unterschiedliche Hautfarben, unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Sexualität, unterschiedliche Gedanken. „Die Gedanken sind frei“ ist ein bekanntes Volkslied und ein juristisch und gesellschaftlich längst anerkannter Wert. Aber sind wir schon bereit, ähnliche Lieder zu singen: „Die Hautfarbe ist frei“, „Die Sprache ist frei“, „Die Kultur ist frei“, „Die Sexualität ist frei“? Es wäre höchste Zeit dafür. Nationalismus birgt immer die Gefahr von Rassismus und Faschismus. Nationalismus bringt die Menschheit auf dumme Gedanken, auf den falschen Weg. Ein einiges Europa funktioniert nicht, indem man einfach möglichst viele Nationalstaaten unter einem gemeinsamen Dach vereint. Die wahre Chance Europas ist, die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit, die Andersartigkeit aller Mitglieder als das Einende zu begreifen. Wenn wir diese Vielfalt akzeptieren, kann eine wirklich gleichberechtigte, multikulturelle europäische Gesellschaft entstehen. Der Reichtum, den alle Menschen erst gemeinsam halten und entfalten können, heißt Akzeptanz des Anderen. Denn – von innen sind wir alle gleich.

Es ist höchste Zeit, die Vielfalt als Gemeinsamkeit zu begreifen, damit Europa den Nationalsmus überwinden kann.

Was ist Gott? – Angebot einer Erklärung.

Gott ist ein mindestens zweiteiliges Gebilde, erfunden von uns Menschen.

Zum einen „verkörpert“ das Phänomen Gott eine Projektionsfläche für unsere Ängste, Sorgen und Wünsche, zum anderen beschreibt es unser Unverständnis über die Vorgänge um uns herum. Gott ist ein von Menschen erfundener Platzhalter für etwas, wofür wir keine andere Projektionsfläche haben oder was wir noch nicht verstehen. Der Rest ist Folklore.

Da Gott als Gedankengebilde, von uns Menschen erdacht, existiert, braucht niemand daran zu glauben, dass es Gott gibt. Man muss auch nicht daran glauben, dass es Autos oder Sehnsucht gibt. Die Existenz von irgendwas zu glauben, wenn man dessen Existenz weiß, ist naiv.

Atheismus wird definiert als Überzeugung, dass Gott nicht existiert – was man wiederum als einen Glauben bezeichnen könnte. Da das Phänomen Gott aber existiert, kann ich kein Atheist sein.

Agnostizismus wird definiert als (philosophische) Ansicht, dass vor allem die theologischen Annahmen zu Existenz oder Nichtexistenz einer höheren Instanz (z.B. eines Gottes) ungeklärt oder grundsätzlich nicht zu klären sind. Da das Phänomen Gott aber existiert, kann ich kein Agnostiker sein.

Laizismus steht für (religions-)verfassungsrechtliche Konstrukte, die eine strenge Trennung von Kirche und Staat vorsehen. Da ich das ebenso sehe, die Trennung von Kirche und Staat aber in Deutschland noch nicht wirklich vollzogen ist, könnte ich mich als Laizisten in einem säkularen Staat bezeichnen.

Freidenker sind Menschen, die im Sinne der Aufklärung für eine selbstverantwortliche Lebensgestaltung einstehen und jeden religiösen Glauben oder gar kirchliche Dogmen für sich ablehnen. Mein Lebensmotto „Ich bin, also denke ich“ entspricht wohl am ehesten diesem Ansatz. Also bezeichne ich mich als Freidenker (oder manchmal provokant als Selbstdenker), bis es einen besseren Begriff gibt, um Menschen zu beschreiben, die Verantwortung nicht auf Metawesen abschieben und wissbegierig alles hinterfragen und erforschen, während sie gleichzeitig bescheiden genug sind, zuzugeben, dass unser Intellekt und unser gesammeltes Wissen nicht ausreichen, alle Zusammenhänge der Welt wirklich und umfassend zu begreifen.

Da ich in eine Gesellschaft hineingeboren und als Kind von religiösen Menschen in einer weitestgehend religiösen Gesellschaft sozialisiert wurde, trage ich natürlich das mir vermittelte Gottesbild in all seinen Facetten in mir. Es bietet sich immer wieder als, wie Nietzsche sagte, „Lückenbüßer“ an, wenn ich mal mit meinen Ängsten, Sorgen und Wünschen nicht weiterweiß oder wenn ich mir Vorgänge um mich herum nicht erklären kann. Das ist das süße Gift der religiösen Erziehung. Es ist unendlich schwerer, die Ursachen seiner eigenen Ängste, Sorgen und Wünsche zu ergründen, als sich in die Obhut eines erdachten Wesens zu begeben. Es ist unendlich mühsamer, bisher unverständliche Vorgänge zu ergründen und zu erforschen, um zu verstehen, als unverständliche Vorgänge durch den Willen oder die Existenz eines erdachten Wesens zu „erklären“.

Mir hilft als Antidot, im ersten Falle auf meine Selbstheilungskräfte und meine eigene Energie zu setzen, Ängste zu überwinden, Sorgen zu entkräften und Wünsche zu erfüllen. Das Antidot im zweiten Falle ist für mich, „Gott“ durch „Zufall“ zu ersetzen, solange ich Vorgänge um mich herum aufgrund mangelnden Wissens und Verständnisses nicht erklären kann. Die Selbsterkenntnis und die Demut, als Mensch nicht über allen Dingen zu stehen und nicht alles verstehen zu können, weil unser Wissen, unser Intellekt und unsere Sinne begrenzt sind, sind ein wunderbares Antidot gegen das durch die Sozialisierung eingeimpfte süße Gift der Religion und des Glaubens.

Ich bin Selbstdenker.

Pressemitteilung zum PAV

Am Freitag, 28. Februar 2014, wurde in Hannover im Parteiausschlussverfahren gegen Ulf Dunkel mündlich verhandelt. Dunkel war mit Äußerungen in der Beschneidungsdebatte 2012 in die Schlagzeilen geraten. Der Landesvorstand und Dunkel schlossen einen Vergleich. Dunkel erkannte hierin an, antisemitische Stereotype bedient zu haben. Er distanzierte sich entschieden hiervon sowie von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit insgesamt. Da er mit seinen Äußerungen der Partei geschadet habe, wurde er vom Landesschiedsgericht verwarnt. Der Parteiausschluss ist damit vom Tisch.

„Ich freue mich, dass es meinem Anwalt Georg Schepper aus Bielefeld gelungen ist, die Wogen zu glätten und den Parteiausschluss abzuwenden. Mir persönlich war am wichtigsten, dass klargestellt ist, dass ich weder Antisemit noch fremdenfeindlich bin“, so Dunkel nach der Verhandlung. Auch dankte er seinem Kreisverband Cloppenburg, der durch seine Loyalität zu Dunkel wesentlich dazu beigetragen habe, dass das Verfahren so friedlich ausging. Der Landesvorsitzende Jan Haude und Ulf Dunkel reichten sich nach der Verhandlung die Hand.

Ermittlungen gegen Ulf Dunkel eingestellt

Presseerklärung vom 25.10.2013

Die Generalstaatsanwaltschaft Oldenburg hat die Ermittlungen gegen den niedersächsischen Grünen-Landtagskandidaten Ulf Dunkel aus Löningen wegen Beleidigung, Antisemitismus und Volksverhetzung eingestellt. Dunkel war als Landtagskandidat der Grünen Ende 2012 in die Kritik geraten und angezeigt worden, weil er im Zuge der Beschneidungsdebatte in sozialen Medien Beschneidungsbefürwortern Kaltherzigkeit und Traumatisierung von Kindern in Form eines Wutausbruchs und eines Gedichts vorgeworfen hatte. Für seine Äußerungen bat er um Entschuldigung und zog sich aus dem Landtagswahlkampf zurück. Ein Antrag des Grünen-Landesvorstands auf Parteiausschluss Dunkels ist indes noch nicht abgeschlossen. Sein Cloppenburger Kreisverband hat aus Protest über das Parteiausschlussverfahren seit Monaten seine politische Arbeit eingestellt. Dunkel reagierte erleichtert auf die Nachricht aus Oldenburg: „Meine Äußerungen waren rückblickend ein Fehler. Allerdings ist nun klar, dass ich weder fremdenfeindlich noch antisemitisch eingestellt bin, das wird hoffentlich auch das Landesschiedsgericht so beurteilen.“ Ein Verfahren gegen einen der Drohanrufer, der Dunkel und seine Familie bedroht hatte, wurde nun gegen eine Geldauflage eingestellt.

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