Auch Du kannst nichts dafür!

In seiner Autobiografie „Mein Abschied vom Himmel“ beschreibt Hamed Abdel-Samad sein bisheriges Leben, sehr eindrücklich, sehr intensiv, nach zwei psychischen Zusammenbrüchen. Mancher mag dieses Buch als Aufruf verstehen, sich vom Islam abzuwenden, doch genau das will er offensichtlich nicht. Man könnte das Buch als Tagebuch mit Rückblenden, als Therapiesitzung oder als Road-Movie-Script verstehen.

Dieses Buch ist weder eine Abrechnung mit meiner Kultur noch ein Aufruf zum Glaubensverlust. Mein Anliegen ist lediglich, die Widersprüche meines Lebens zu verstehen.

Dass sein Leben bisher voller Widersprüche ist, kann man nach der Lektüre sehr gut nachvollziehen. Er schildert seine Kindheit, sein Streben, wie sein Vater Imam zu werden, seine Verwirrung über anscheinend pädophile Züge, den Aufbruch (oder gar die Flucht?) in eine andere Welt (Deutschland), den Bruch mit dem Vater, seine Irrungen und Wirrungen von Armee über Muslimbruderschaft bis zu japanischen Lebensphilosophien. Seine Probleme mit Frauen und immer wieder Ängste: die Angst, vor seinem Vater nicht bestehen zu können; die Angst, pädophil zu sein; die Angst, sich in Liebe fallen zu lassen. Doch hinter all dem steht offensichtlich eine ganz andere Frage, zu der er in diesem Buch selbst die Antwort nicht findet:

Warum fühle ich mich so verletzt und habe Angst, jemanden zu lieben?

 

Im frühen Kapitel „Doppelte Entfremdung“ schildert er in einer Rückblende, wie er versucht, seine Schwester davon abzubringen, deren Tochter „beschneiden“ zu lassen.

Die Selbstverständlichkeit, mit der meine Schwester über die Beschneidung ihrer eigenen Tochter sprach, schockierte mich. Ich bat sie, das arme Mädchen nicht verstümmeln zu lassen.

»Keiner will sie verstümmeln. Das ist nur ein kleines Stück, das weg muss, damit sie ruhiger wird.«

»Lass den Unsinn«, sagte ich.

»Alle Menschen tun das, mein Junge, das ist Tradition!«, mischte sich meine Mutter ein.

»Und wenn alle Menschen anfangen, nackt auf der Straße zu laufen, werdet ihr auch das Gleiche tun?«, erwiderte ich.

»Jetzt benimm dich bitte!«, antwortete meine Mutter verärgert.

»Ich will nicht, dass sie, wenn sie erwachsen ist, den Jungs auf der Straße hinterherläuft und mit einer Schande nach Hause kommt«, wiederholte meine Schwester die übliche naive Argumentation.

»Sabah, erinnerst du dich nicht, wie schmerzhaft dieser Akt für dich selbst war? Wieso musst du deiner Tochter das Gleiche antun?«

Sabah schwieg eine Weile und antwortete wütend: »Will jeder, der ein paar Jahre in Europa gelebt hat, uns beibringen, was richtig und was falsch ist?«

Damit war die Diskussion beendet.

Es ist überdeutlich, dass da jemand sein eigenes Trauma verarbeiten und selbst erlebten Schaden von anderen abwenden will. Er ist dicht davor, zu erkennen, dass all dies eben auch mit ihm zu tun hat, wenn er projizierend schreibt:

Ich verstand nicht, wie Sabah, die selbst unter dieser Verstümmelung gelitten hatte, ihrer Tochter das Gleiche antun konnte. Hatte sie vergessen, wie empfindlich dieser Teil des Körpers ist? Waren ihr die Konsequenzen nicht bekannt? Tatsächlich denke ich, dass sie es vor allem tat, um einen Sinn für ihren eigenen Schmerz von damals zu finden. Hätte sie meinen Argumenten gegen die Beschneidung zugestimmt, dann hätte sie sich eingestanden, dass alles, was man ihr damals angetan hat, bloß grausamer Unsinn war, und sie all die Schmerzen umsonst ertragen hat.

Ihn lässt dieses Dilemma nicht los und er organisiert in seinem Dorf eine Kampagne gegen die Beschneidung, die jedoch nur wenig bewirkt.

 

Ich bin ein Kind von Gewalt und Liebe.

Dieser Satz am Anfang des Kapitels „Hamed der Zweite“ drückt Abdel-Samads Situation perfekt aus. Er schildert, dass er den Namen seines verstorbenen Bruders bekam und sich lange auch nur wie ein Ersatz für diesen fühlte. Dennoch beschreibt er ebenso deutlich, wie wohl er sich (in seiner Erinnerung) in den ersten vier Jahren gefühlt hat, von seiner Mutter geliebt, lange gestillt und verwöhnt worden zu sein. Er schildert, oftmals den naiven Standpunkt des damaligen Kindes wieder einnehmend, seine Beobachtungen des so widersprüchlichen Systems Islam, die Rituale und Regeln, die zu missachten den Ausschluss aus der Gesellschaft nach sich zieht.

Abschied von der Kindheit

Dann beschreibt er den Tag, an dem er selbst und seine Schwester Sabah genitalverstümmelt wurden. Dieses traumatisierende Erlebnis malt er in den passenden, düsteren Farben und stellt richtige, kritische Fragen. Dann aber hüllt er seinen Schmerz und sein Trauma in naive, von den Erwachsenen übernommene Phrasen wie:

Mit einem Initiationsritual sollte ich der Welt der Erwachsenen ein Stück näherkommen.

oder

Bald war meine Wunde verheilt, und der Anblick meines Penis erfreute mich. Er war nun viel appetitlicher als zuvor.

Das sind keine authentischen Gedanken eines vierjährigen Jungen, sondern von Abdel-Samad nachträglich gesuchte Entschuldigungen. Zwar bleibt das Erlebnis für ihn traumatisch, aber er projiziert sein eigenes Leid nur auf seine Schwester, wenn er Fragen stellt wie:

Was gibt einem Mann das Recht, einer Frau das anzutun? Wusste Meister Fathi irgendwas über die Klitoris meiner Schwester? Wusste er, wie viele Nerven sich da konzentrierten? Je älter ich wurde und je mehr ich darüber wusste, desto schockierter war ich. Wusste er, warum und für wen er das tat? Warum war ich der Prinz und sie keine Prinzessin?

Er sucht Rat in der Religionslehre, mit der er aufgewachsen ist, findet aber keine abschließende, ihn zufriedenstellende Antwort, sondern nur eine weitere Angst:

Am Tag nach der Beschneidung hatte ich bereits meine Schwester und ihren Schmerz vergessen und war mit mir selbst beschäftigt. Ich frage meine Mutter, warum man mir den Penis weggeschnitten hätte und ob ich jetzt nicht mehr pinkeln könne.

»Kein Mensch hat deinen Penis abgeschnitten. Es war nur ein kleines Stückchen Haut!« Meine Mutter erzählte mir eine gruselige Geschichte, die mir die Entstehung der Beschneidung erklären sollte. Sie handelte von einem alten Mann namens Abraham, der im Begriff war, seinen erstgeborenen Sohn zu schlachten, weil er das im Traum sah und davon ausging, dass Gott das so wollte. Abraham legte das Messer auf den Nacken seines Sohnes und wollte ihn töten, doch im letzten Moment wurde das Messer stumpf. Dann kam ein Lamm aus dem Himmel, das Abraham statt seines Sohnes für Gott opferte, und der Junge wurde gerettet. Muslime beschneiden ihre Kinder, um der Rettung von Abrahams Kind zu gedenken. Ich verstand nicht, was genau diese Geschichte mit meinem Penis zu tun haben sollte, und hatte danach ständig Angst, mein Vater könne nach einem schlechten Traum auf die Idee kommen, mich Gott zu opfern.

Das Trauma wird hier in eine kognitive Dissonanz umgemünzt. Obwohl die Genitalverstümmelung schlimm war (und bleibende Folgen haben wird), kann sie nicht schlimm gewesen sein, weil sein sehr gottesfürchtiger Vater, der Imam des Dorfes, ihn sicher liebt und es nur zur Ehre Allahs getan hat. Dies ist ein klassisches Dilemma, in dem fast alle Menschen stecken, die als Kinder genitalverstümmelt wurden.

Im weiteren Verlauf des Buches erfährt man allerhand Spannendes über Abdel-Samads Leben und Werdegang, interessante Einblicke in die islamische Welt mit ihrer Religion, ihrer sexuellen Verklemmtheit und ihrer politischen Seite. Er schildert (nach der Genitalverstümmelung) von weiterer sexueller Gewalt, die er als Junge erlitt, der mehrfach von anderen Jungen vergewaltigt wurde. Er erzählt von seinen Bindungsängsten, von seinem immerwährenden Hunger nach Bildung, Liebe und Anerkennung, doch eigentlich nur auf der Suche nach Geborgenheit und (verlorenem) Urvertrauen.

Hamad Abdel-Samads Urvertrauen zu seiner Mutter und seinem Vater wurde ihm von diesen im zarten Alter von vier Jahren geraubt. Sie zerstörten es, indem sie in seine „Beschneidung“ einwilligten. In einem starren Gerüst gesellschaftlicher Zwänge aufgewachsen, das er aufgrund seines hohen Intellekts immer wieder infragestellen musste, bleibt ihm nichts als die Flucht aus dieser Gesellschaft – in ihm tatsächlich fremde Welten wie Deutschland, Europa, Japan.

In einer langen Analyse vergleicht er Ägyptens, Deutschlands und Japans Gesellschaften miteinander, um eigentlich nur herauszufinden, was in seinem eigenen Leben schiefgegangen ist:

Überall müssen Kinder, die von den Regeln der eigenen Gesellschaft unterdrückt werden, den Leistungsdruck abfedern, den schon ihre Eltern nicht aushalten konnten.
Es ist schwer, einen einzelnen Schuldigen zu finden, den ich für meine Misere verantwortlich machen kann. Eine stupide, endlose Kette der Gewalt regiert die Welt, und alle Systeme scheinen miteinander zu kollaborieren.

Obwohl er kurz davor ist, „aus seinem Beschneidungskoma zu erwachen“, gelingt es ihm doch letztlich nicht, auch wenn er durch das Schreiben seiner Autobiografie auf gutem Wege scheint, denn er beschreibt alle Symptome, die kurz vor diesem von Lindsay R. Watson in „Unaussprechliche Verstümmelungen – Beschnittene Männer sprechen darüber“ beschriebenem Erwachen auftreten:

Nachdem ich die Kurzfassung meiner Autobiografie beendet hatte, war ich nicht mehr derselbe. Plötzlich war der gebrochene Mann wieder da. Unkontrollierte Emotionen fingen an, unter der Betondecke zu brodeln. Ich spürte, dass das gesamte seelische Fundament, auf dem ich stehe, extrem instabil ist. […] Wie viele Lügen, wie viele Wunden und Narben würden wieder aufplatzen? Die Identitätskonflikte und das Gefühlschaos, die aus den vielfachen Verortungen, Umorientierungen und Lagerwechseln in meinem Leben entstanden waren, hatten tiefe Spuren hinterlassen, die nicht allein durch die Versöhnung mit der Familie und eine Eheschließung geheilt werden konnten.

Seine Frau Connie hat das längst erkannt:

»Du weißt, wie sehr ich deine Eltern schätze, aber ich glaube, du belügst dich selbst. Du schaffst es nicht, deine Eltern mit deiner Geschichte zu konfrontieren, deshalb versuchst du, sie stattdessen zu vergöttlichen.«

[…]

»Nein. Es geht mich an, Hamed. Ich bin deine Frau, und ich sehe, dass du ein gefährliches Spiel spielst. Ich sehe, dass es dir schlechtgeht. Aber anstatt über dein Problem nachzudenken, läufst du davon.«

Dieser Vorwurf, der so exakt ins Schwarze trifft, traf auch ihn – so sehr, dass er seine geliebte Connie schlägt. Nicht aus Versehen, sondern aus purer Verzweiflung, Gewalt als Ventil, wie er es als Kind kennenlernte.

Als ich aus dem Rausch meiner Wut erwachte, lag sie am Boden und sagte, dass sie nichts hören kann. […]

Hier schreibt ein traumatisiertes, hochintelligentes Kind über seinen verzweifelten Weg, herauszufinden, warum man ihm Dinge angetan hat, die sich mit Empathie, Logik und Liebe nicht erklären lassen. Doch schafft er es – zumindest in diesem Buch – nicht, den Kern seines Traumas zu erfassen und aus seinem Beschneidungskoma zu erwachen.

Meine einzige Bestrafung bestand darin, dass sie mir verziehen hat und bei mir blieb. Jeden Tag musste ich die schmerzlichen Spuren meiner Gewalt auf ihrem Gesicht sehen. Ich schäme mich für meinen Vater und meine beiden Brüder, die ihre Frauen regelmäßig schlagen. Ich schäme mich für die Sure 4 des Korans, die Gewalt gegen die eigene Ehefrau billigt. […] Ich schäme mich, dass ich um nichts besser war als jeder Mann, der mich kränkte. Ein Teil von mir identifiziert sich offenbar auf perverse Weise mit jenen Männern, die ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen zutiefst verabscheute. Ich war voller Wut und voller Fragen und fühlte mich ohnmächtig und verlassen. Drei Monate lang sperrte ich mich selbst zu Hause ein, bevor ich zu meinem Leidensdruck stehen konnte und aus eigenem Entschluss in die Psychosomatikklinik ging.

Die für mich ergreifendste Szene im Film „Good Will Hunting“ ist die, wo der Psychoanalytiker zu Will immer wieder beruhigend sagt: »Du kannst nichts dafür!«

Ich wünsche Hamed Abdel-Samad, dass auch er – wie schon so viele Betroffene vor ihm – es schaffen kann, aus seinem Beschneidungskoma zu erwachen, durch welchen Trigger auch immer. Die deutsche Übersetzung des Buchs „Unspeakable Mutilations – Circumcised Men Speak Out“ von Lindsay R. Watson könnte ihm helfen, zu sehen, dass er nicht allein ist und dass es Wege gibt, mit diesem Trauma leben zu können. (Ich habe ihm das Buch geschenkt.)

 

[Hervorhebungen in den Zitaten von mir.]

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Ist Europa schon reif, den Nationalismus zu überwinden?

Europawahlen haben ein eigentümliches Eigenleben. Und in jedem der mittlerweile 28 Mitgliedsländer ein anderes Eigenleben. Seit geraumer Zeit ist wieder zu beobachten, dass sich Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Antiislamismus und andere Anti-ismen wieder ausbreiten. Viel stärker, als dass man es ignorieren oder wegdiskutieren kann. Immer neue Parteien tauchen auf, die vorgeben, nur das Wohl ihres Landes im Blick zu haben, die aber bei näherem Hinsehen offen nationalistisch oder noch reaktionärer auftreten. Ist die Demokratie Europas stark genug, diese neu erstarkten Kräfte rechtsaußen zu verkraften?

Nationalismus ist eine Idee, die im 17. Jahrhundert aufkam, sich im 18. und 19. Jahrhundert stark entwickelte und im von Nazideutschland angezettelten Zweiten Weltkrieg ihren bisher fatalsten Höhepunkt erlebte. Nationalismus lebt von der Idee des Volks und der Nation, lebt von Abgrenzung, Abschottung und übersteigertem Selbstwertgefühl. Zur Blütezeit des europäischen Nationalismus dachten wohl die meisten Menschen, ihr eigenes Volk sei – aus welchen Gründen auch immer – das beste aller Völker und habe ein angestammtes Recht zum Überleben, das anderen Völkern nicht automatisch auch zugestanden wurde. Die Begriffe „Volk“ und „Nation“ speisten und gestalteten sich aus einer passend dazu konstruierten nationalen Geschichtsschreibung, die bis hin zu rassistischen Weltbildern führten. Der israelische Historiker Shlomo Sand führt uns wunderbar vor Augen, wie der Nationalismus sich entwickelt hat. „Herrenrassen“ gab es nicht nur im deutschen Weltbild. Einige Menschen auf unserem blauen Planeten wurden von anderen damals als Nichtmenschen, als Tiere oder Untermenschen angesehen. Wohin das alles führte, steht in den Geschichtsbüchern. Aber anscheinend wird Lesen heute überbewertet. Doch Lesen bildet und Wissen macht frei.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hörte die Menschheit zwar nicht auf, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und aus ideologischen, materiellen oder religiösen Gründen aufeinander zu schießen. Aber der Gedanke des Rassismus war – Bringschuld nach dem verheerenden Holocaust und den anderen, ebenfalls schlimmen Pogromen gegen „andere“ Menschengruppen – nicht länger gesellschaftsfähig. Nur einige Zeitgenossen, die im Englischunterricht nicht richtig aufgepasst haben, übersetzen den im Englischen immer noch gebräuchlichen Begriff „races“ immer noch mit „Rassen“ ins Deutsche. Längst hat der Zeitgeist die ehemalige Überheblichkeit überwunden. Die meisten Menschen in Europa haben begriffen, dass wir alle eine einzige Rasse sind, Menschen. Wir bemühen uns, die Andersartigkeit anderer Menschengruppen vorsichtig zu umschreiben, um den Anschein von Rassismus nicht aufkommen zu lassen. Der heute oftmals verwendete, angeblich politisch korrekte Begriff „Ethnie“ ist allerdings eine Mogelpackung. Lassen wir das Schubladendenken über Menschen, die nicht unserem Spiegelbild entsprechen, doch einfach sein. „Von innen sind wir alle gleich“, hieß es in Karin Hentschels Fußballrevue aus Südafrika.

Doch wieder und wieder kommen Feindbilder nach vorn, in Gestalt äußerst rechts angesiedelter Parteien, in Gestalt vorgeblich demokratisch legitimierter Politiker und Regenten, die sich vor dem Hintergrund unserer gemeinsamen Geschichte der Menschheit nicht zu blöde sind, offen auszusprechen, dass sie sich für eine „Herrenrasse“, für besser als die anderen halten. Andersartigkeit wird immer noch und immer wieder unterdrückt, gar verboten, so zum Beispiel das Schwulsein in vielen Ländern. Oder das Recht, zu glauben, was man will. Wer jüdisch glaubt, Sinti oder Roma ist, hat momentan in Ungarn und anderswo schlechte Karten. Wieder mal. Die falsche Hautfarbe kann in einigen Landstrichen Europas fatale Folgen haben. Und die europäische Staatengemeinschaft schweigt beredt dazu.

Was aber treibt Menschen dazu, immer wieder in alte Denkmuster zu verfallen und allen Ernstes glauben zu wollen, dass sie selbst aus irgendeinem Grund die besseren Menschen, gar eine „Herrenrasse“ wären? Demokratie ist eine ziemlich alte Idee, die im Schatten der Nationalismus-Blütezeit wartete, um immer wieder neue Anläufe zu nehmen, sich als möglichst faires politisches System durchzusetzen. Fair dem Volk gegenüber, dessen Bedeutung im Nationalismus anders, brandgefährlich war. Heute aber verstehen die meisten Menschen unter dem Begriff „Volk“ die Menge aller Menschen, die in demselben Land leben und dort dieselbe Staatsbürgerschaft teilen. Da bleibt eigentlich kein Platz für Abgrenzung „anders“ aussehender Mitbürger, kein Raum für Volkstümelei und kein Anrecht auf eine Leitkultur. Doch diese Abgrenzung findet wieder deutlich statt. Die „Festung Europa“ ist eine offensichtliche Grenze, wie Flüchtlinge aus Afrika erleben oder auch nicht überleben. Doch Grenzen entstehen im Kopf, bevor sie als Mauern, Zäune und Schlagbäume errichtet werden.

Abgrenzung und Abschottung entstehen aus Angst. Ist es die Angst davor, im Multikulti der sich immer wieder neu formenden und alles andere als homogenen Volksmengen seine eigene Identität zu verlieren? Einige naive Zeitgenossen denken gar, Staatsgrenzen hätten Ewigkeitsrecht, so wie auch der Planet selbst sich nie verändern dürfte. Es scheint so, als wenn diejenigen, die Angst vor Europa haben, in Wahrheit Angst davor haben, andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind – mit ihrer anderen Identität, ihrer anderen Hautfarbe, ihrer anderen sexuellen Ausrichtung, ihrer anderen Kultur, ihrer anderen Werte und Normen. Dabei wäre es sicher interessant, wissenschaftlich zu untersuchen, was genau diese Angst ausmacht, die ein arbeitsloser glatzköpfiger ostdeutscher Mann fühlt, wenn er in seinem Ort einen Farbigen die Straße überqueren sieht. Oder was genau den Lederhosen-Bajuwaren ängstelt, wenn ein asiatisch aussehender Nachbar ihn mit einem zünftigen „Jo mei“ anspricht. Warum haben die gallischen Kampfhähne in Marseilles Angst vor Marokkanern, die für sie im Hafen arbeiten? Was steckt hinter der Angst norwegischer Elchjäger vor muslimischen Nachbarn?

Viele Zeitgenossen meiner Generation sind nicht nur mit Kino und Fernsehen, sondern speziell mit Science Fiction aufgewachsen. „Faszinierend“ war nicht nur der Running Gag von Mr. Spock in Raumschiff Enterprise, sondern ebenso der Anblick der von Menschen ausgedachten Fantasiewesen, die aus anderen Welten mit uns interagierten. Der Erfinder der Aliens ist gerade im Alter von 74 Jahren gestorben. Er schuf eine Figur, die uns vordergründig das Fürchten lehrt, aber die eigentlich genau wie wir ist und das tut, was wir alle wollen: Sie verteidigt sich und ihre Nachkommen vor Angriffen. Ripley lernt wie Alien zu denken und lernt zu verstehen. In manchen Science-Fiction-Filmen und -Geschichten verarbeiteten Autoren ihre verdeckt rassistischen Gedanken und versuchten, mit unterschiedlichen Ansätzen die immer wieder gleich plumpe Botschaft zu vermitteln: Frieden für uns gibt es nur, wenn wir alles Feindliche töten. Viele Science-Fiction-Autoren aber haben eine komplett gegenteilige Botschaft gesendet, allerdings nicht in ferne Welten hinaus, sondern an uns: Akzeptiert das Andersartige als Vielfalt. Frieden gibt es nur, wenn man akzeptiert, dass Anderssein nicht automatisch bedrohlich ist. Lernen wir voneinander. Eines der schönsten Beispiele dafür ist wohl „Enemy Mine – Geliebter Feind“.

Was hat das alles mit den wieder mal bevorstehenden Europawahlen zu tun? Ein anderes regelmäßig wiederkehrendes Europa-Ereignis ist gerade zuende gegangen: der Eurovision Song Contest. Dieses Jahr gewann zum zweiten Mal, nach 1998, eine Drag Queen den ESC. „Conchita Wurst“ heißt die Kunstperson, die der Österreicher Tom Neuwirth erschuf, um ein Zeichen gegen Diskriminierung von Andersartigkeit zu setzen. 1998 gewann Yaron Cohen, der sich damals „Dana International“ nannte und sich mittlerweile entschieden hat, sich vom Mann zur Frau umoperieren zu lassen, für Israel den ESC und setzte Zeichen. Der ESC gilt als Instrument der Völkerverständigung. „Wo gesungen wird, da lass Dich nieder; böse Menschen haben keine Lieder“ gilt immer noch und immer wieder. Und auch Conchita Wurst ist ein Symbol dafür, dass wir alle aufgefordert sind, Andersartigkeit als Bereicherung zu akzeptieren, nicht als Bedrohung unserer eigenen „Artigkeit“. Denn wer sagt uns eigentlich, ob nicht unsere Art zu sein für andere bedrohlich wirkt?

Menschen haben unterschiedliche Hautfarben, unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Sexualität, unterschiedliche Gedanken. „Die Gedanken sind frei“ ist ein bekanntes Volkslied und ein juristisch und gesellschaftlich längst anerkannter Wert. Aber sind wir schon bereit, ähnliche Lieder zu singen: „Die Hautfarbe ist frei“, „Die Sprache ist frei“, „Die Kultur ist frei“, „Die Sexualität ist frei“? Es wäre höchste Zeit dafür. Nationalismus birgt immer die Gefahr von Rassismus und Faschismus. Nationalismus bringt die Menschheit auf dumme Gedanken, auf den falschen Weg. Ein einiges Europa funktioniert nicht, indem man einfach möglichst viele Nationalstaaten unter einem gemeinsamen Dach vereint. Die wahre Chance Europas ist, die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit, die Andersartigkeit aller Mitglieder als das Einende zu begreifen. Wenn wir diese Vielfalt akzeptieren, kann eine wirklich gleichberechtigte, multikulturelle europäische Gesellschaft entstehen. Der Reichtum, den alle Menschen erst gemeinsam halten und entfalten können, heißt Akzeptanz des Anderen. Denn – von innen sind wir alle gleich.

Es ist höchste Zeit, die Vielfalt als Gemeinsamkeit zu begreifen, damit Europa den Nationalsmus überwinden kann.