ESC konzeptionell in einer Sackgasse?

Gestern abend fand einmal mehr ein Jubiläums-ESC statt – der 60. in Folge. Diesmal aus Wien, mit 45 zugeschalteten Ländern, erstmals mit China, erstmals mit Australien als Teilnehmerland (wegen der treuen Fangemeinde und des Jubiläums).

Deutschland null Punkte

Aua, das tat weh. Der Song „Black Smoke“ war so schlecht nicht, auch wenn er von Anfang an nur zweite Wahl der zweiten Wahl war. (Ich schrieb ja schon drüber.) Ann Sophie hat ihren Titel prima vorgetragen, Deutschland gut vertreten, alles gut. Aber dann – null Punkte für Deutschland, und Österreich. Die anderen am Ende der Fahnenstange ebenfalls mit peinlichen einstelligen Ergebnissen, während Schweden, Russland und Italien fett absahnten.

Big Five – Big Fail?

Der ESC kennt seit Jahren das Prinzip der Big Five: Seit 2011 nehmen Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien unabhängig von ihrer Platzierung im Vorjahr automatisch teil, weil sie die größten Einzahler in den EBU-Etat leisten. Das bedeutet, dass diese fünf Länder sich von der Angst freikaufen, den Einzug ins Finale zu verpassen. Dadurch wird automatisch weniger auf den Song geachtet, der im Finale gegen die anderen antritt – weil man ja schon im Finale ist. Aber dadurch tritt auch ein anderer Doppeleffekt ein: Der Interpret hat keine Chance, den Titel tatsächlich auf seine ESC-Tauglichkeit zu testen. Das Publikum hat keine Chance, diese Titel schon in einem der Halbfinale zu bewerten und eventuell dort schon zu pushen oder rauszuwählen. So ist auch dieses Mal wieder festzustellen gewesen, dass die Big Five im letzten Viertel landeten: Spanien 21. Platz (15 Punkte), UK 24. (5 Punkte), Frankreich 25. (4 Punkte), Deutschland 26. (0 Punkte). – Aber dann ist da noch Italien (3. Platz, 292 Punkte). Glück oder Zufall? Zeitgeschmack getroffen oder tatsächlich besser auf den Titel geachtet? Immerhin hat Italien auch noch den Presse-Preis des ESC bekommen, wurde also von der Presse-Jury als bester Titel im Rahmen des seit 2002 vergebenen Marcel-Bezençon-Preises ausgezeichnet. Und der italienische Titel war zuvor im nationalen Entscheid beim legendären fünftägigen Sanremo-Festival als Sieger hervorgegangen. Und Deutschlands Titel kam auf recht abenteuerliche Weise zustande (s.o.). Mit „Jump the Gun“, dem eigentlichen Toptitel von Ann Sophie, hätte sie m.E. mehr Chancen gehabt.

Ein neuer Weg?

Wäre ich einer der ESC-Macher, würde ich drei Änderungen einführen:

  1. Das Konzept der Big Five wird abgeschafft. Das erhöht den Ansporn der Länder, die wirklich Besten ins Rennen zu schicken.
  2. Der ESC wird nach und nach immer weiter ausgebaut in einen GSC (Global Song Contest). „Brücken bauen“, das Motto des diesjährigen Jubiläums-ESC, funktioniert letztendlich nur, wenn es gleich global gedacht wird.
  3. Jedes Land kann für alle Finalisten-Länder Punkte vergeben, außer für das eigene. Das würde bei 27 Finalisten heißen, dass 26 Länder von 1 bis 26 Punkte bekommen können.
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5 Gedanken zu “ESC konzeptionell in einer Sackgasse?

  1. Ich glaube nicht, dass die Zuschauer bei der Vorentscheidung anders voten würden, wenn man noch durchs Halbfinale müsste. Außerdem: Als das Halbfinale 1996 erstmals durchgeführt wurde, flog Deutschland prompt raus. Die Übertragung des Finales war dann in Deutschland ein Quotenflop und deswegen machte man Druck, die Big-Five-Regel einzuführen.

    • Was ja meiner These nicht widerspricht, Stefan. Quotenflop war es m.E. 1996 aus hausgemachten Gründen (statt ARD nur NDR, neuer, schlechter Kommentator usw.).

  2. Ich stimme dir zu, was den GSC angeht – das wär awesome. 🙂

    Abschaffung der Big Five, nö, dann ist nicht mehr genug Kohle da, die Party so zu schmeißen wie es da passiert. Ist schon okay. Und ich hab auch nicht wirklich ein Problem damit, dass wir null Punkte gekriegt haben – bis auf einen kleinen, aber feinen Punkt:

    Die gesamte Punkteverteilung sollte überarbeitet werden. Und das meine ich ernst.

    Weder Großbritannien, deren Song wirklich gut und witzig war, noch wir wären leer ausgegangen, wenn die Punkteverteilung nicht gewesen wäre.

    Dann wäre auch die Platzierung realistischer als sie es so ist.

    • Ich weiß zwar auch, dass das Auge mitsieht, aber beim Song Contest geht’s doch eigentlich eher ums Hören, oder? Was sollen teure Lichtshows, Windmaschinen und Hupfdohlen-Einlagen, wenn die Wertung der Songs doch damit eigentlich nichts zu tun haben sollte? Oder hat die Optik doch was mit dem Erfolg oder Misserfolg zu tun? Ich hoffe nicht.

      • Natürlich hat sie das. Das Auge hört ja mit. 😉

        Lena hat ja ihr Satellite auch durchgebracht, weil die Show dazu stimmte. Und der diesjährige Sieger hat *auch* gewonnen, weil er die niedlichen Figuren neben sich tanzen hatte.

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